Kapitel 16 & 17

„Klopf! Klopf! Klopf!“

Ein dröhnendes Hämmern durchbrach die Stille, wobei ich meine Toga hastig überiss und dabei zusah wie Selene dasselbe tat.

Ich küsste Selene danach auf die Wange, flüsterte ihr ein aufrichtiges „Ich liebe dich“ zu und schritt strammen Schrittes zur Tür. Ich öffnete sie.

Custos und Gladius sahen mich verärgert an.

Schweißperlen standen ihnen auf die Stirn geschrieben.

„Ich-“

„Schon klar, du hast das Zeitgefühl verloren“, raunte Gladius nur und zog mich barsch am Arm.

Er zog mich aus dem Raum hinaus.

„Es ist höchste Zeit dich zum Tierzwinger zu bringen“, ergänzte Custos und lockerte dabei den strengen Griff des Gladius.

„Sonst schöpft noch einer Verdacht“

Ich nickte, berührte nochmals die geschlossene Zimmertür meiner Selene und ging mit ihnen. Wir eilten die Treppen herab und gelangten durch einen Nischengang nach draußen.

Sattes Grün empfing uns.

Wir gingen geradeaus, geradewegs auf ein riesiges, ovales Käfiggebäude zu. Es war von einem tiefen Teich umgeben, indem sich die schönsten Fische tummelten.

Manche von ihnen waren golden, manche silbern und wiederum andere waren von einem wundervoll schimmernden blaugrün.

Sie schwammen unbeschwert umher oder versteckten sich unter der robusten Holzbrücke, welche ohne Geländer direkt in den Zwinger führte.

Die Dielen ächzten unter unserem Gewicht. Sie knarrten bei jeden begonnenen Zentimeter.

Ich blickte links und rechts von mir.

Dicke Eisenstangen umgaben die Seiten des Zwingers. Sie gehörten bereits zu zwei verschiedenen Käfigen, in denen einerseits Krokodile und anderseits Löwen ihr Zuhause fanden. Mit einem großen Quietschen öffnete Gladius, der vorausgegangen war eine gewaltige Eisenpforte. Er benötigte dazu einen Schlüssel, der bei genauer Betrachtung die Form eines Löwen mit flammender Mähne darstellte.

Der Schlüssel schmiegte sich passgenau an das Negativbild neben der Eisenpforte und versuchte ein merkliches Geräusch.

Ein klacken ertönte, als er einrastete und klickte noch mehr als Custos ihn drehte.

Die Tür des Tierzwingers öffnete sich.

Ein dunkler Raum erschloss sich uns. Er besaß keine lichtbringenden Fenster dafür allerdings zahllose Spiegel.

Er konnte also nur über Magie bzw. einer Spiegeleinrichtung zur Erhellung gebracht werden.

Da indes kein Zauberstab zur Verfügung stand, beschloss ich einen der Riesenspiegel zu kippen, wobei eine Kettenreaktion erfolgte.

Eine kleine Luke im Dach des Zwingers öffnete sich und ließ Licht in den Raum fallen.

Strahlen, die wiederum von einem weiteren großen Spiegel erfasst und zu einem anderen reflektiert wurde, der wiederum einen reflektierte.

Das Spielchen ging solange bis schließlich auch der erste, von mir gedrehte Spiegel beleuchtet wurde und alle anderen, an den Wänden, zum Leuchten brachte.

Ein wundervoller Ort offenbarte sch daraufhin.

Er war geschmückt mit den schönsten Haroglyphen, die alle ägyptischen Götter in ihren Tiergestalten zeigten und erklärten.

Ich war fasziniert, aber auch zeitgleich irritiert, denn dieser unglaubliche Ort vermochte es sein wahres Wesen zu verbergen.

Er schaffte es einen in trügerischer Sicherheit zu wiegen und das obgleich hinter all diesen sieben Toren die gefährlichsten Tiere lauerten, die uns bekannt waren.

Wir schritten noch weiter in die Tiefen des Zwingers.

Mosaiksteine benetzten seinen Untergrund, sie waren kunstvoll Stein für Stein gesetzt worden, um ein Kunstwerk des Schutzes zu erschaffen.

Denn es war ein Uzath-Auge, das den Boden schmückte.

Ein Zeichen, das hoffentlich zu wirken gedachte.

„Hinter dieser Türe sind die Leoparden“, bemerkte Gladius schließlich und bewegte sich zur Tür, welche direkt neben den der Löwen gelegen war. Sie war ebenso wie die anderen unbeschriftet und sollte durch seine Namenlosigkeit gefährliche Verwirrung stiften, insofern man sich nicht die Mühe machen wollte von außen nach den Inhalt der Käfige sehen zu wollen.

Eine törichte Faulheit.

„Und hier sind alle Dinge, die du für deine Arbeit benötigen wirst!“, informierte mich Custos, öffnete die dritte Tür von links und holte dabei Besen, eine leere Amphore, eine Amphore mit Wasser sowie gepökelten Fleisch hervor.

„Zur Ablenkung!“, ergänzte er dabei die Anwesenheit des Fleisches.

Mit einem Ni9cken bedankte ich mich bei meinem rothaarigen Freund und nahm die Arbeitsutensilien entgegen.

Sie stanken noch immer stark nach Fäkalien.

Ich verzog das Gesicht.

„Na ja, es hätte schlimmer kommen können“, versuchte Custos wiederum meine Situation zu entschärfen.

„Ja, du hättest auch zur Säuberung des Stymphalidenkäfigs verdonnert werden können.“

Ich stutzte aufgrund von Gladius Aussage und grübelte, denn von diesen ominösen Stymphaliden hatte ich noch nie auch nur ein Wort gehört.

„Stymphaliten?“, echote ich daher.

„Nein, Stymphaliden“, korrigierte Gladius, „das sind mörderische, metallene Vögel, die dich durch schreckliche Arten und Weisen zu Tode kommen lassen können:“

Mein Puls stieg.

„Und wie?“

„Sie können dich mit scharfen Krallen und Schnäbeln zu Tode fetzen, dich bei lebendigem Leibe auffressen oder auch mit ihren metallenen Federn zustechen, indem sie diese als Wurfspeere nutzen. Du siehst also…sie sind ziemlich facettenreich“, führte Gladius noch weiter aus und unternahm damit wohl auch den Versuch meine jetzige Situation schönzureden.

Custos starrte indes grüblerisch vor sich hin. Er schien mit einer inneren Frage zu kämpfen.

Ich sprach ihn also darauf an und vernahm diese Worte:

„Jetzt nichts gegen dich, aber warum hat dich der Pharao nicht gleich in den Stymphalidenkäfig geschickt? Warum verschont er dich davor? Hat er etwa Gewissensbisse?“

„Ha!“

Gladius und ich lachten bitter auf.

„Nein, er will, dass Solonis sieht was er mit Selene anstellt.“

„Er will mich am Leben erhalten, um mich leiden zu sehen.“

Custos runzelte die Stirn:

„Aber warum setzt er die Stymphaliden nicht gegen die Frauen ein, die beim ‚Spektakel’ verlieren?“

„Nun ja, er ist nicht mehr der Jüngste. Er hat die Stymphaliden wahrscheinlich immer wieder vergessen.“

Er nickte.

„Ja, er ist echt alt…“

„und dennoch ist sein Vorgehen schlimmer als jede Strafe.“

 

Nach dem kraftgebenden Schulterklopfen meiner Kollegen und den Überreichen des „Löwenkopfschlüssels“ verschwanden Custos und Gladius vor das Eingangstor des Tierzwingers.

Sie standen dort Wache und befolgten die Anweisungen des Pharaos. Doch ich sah sie nicht als Bedrohung sondern vielmehr als Unterstützer falls doch etwas schief laufen sollte.

Ich atmete also noch einmal tief durch, ehedem ich den „Löwenkopf“ gegen das Negativbild des Leopardenkäfigs presste.

Ich vernahm nach wenigen Momenten ein deutliches „Klick“ und beschloss mit pulsierenden Adern einzutreten.

Mein Herz schlug mir demnach bis zur Brust, doch ich wagte es trotzdem.

Und da waren sie. Zwei ausgewachsene Leoparden mit blutverschmierten Mäulern und Pranken. Sie hatten frisch gegessen, aber fauchten mich dennoch an.

Es war kein Wunder, denn ich war in ihr Revier gedrungen. Sie fixierten mich also unerbittlich mit ihren Augen und bleckten die Zähne.

„Ganz ruhig“, sagte ich daraufhin zu ihnen, stellte vorsichtig das Putzzeug auf die zerkratzten Fliesen ab und sah die Überreste ihres vorherigen Fressens.

Fetzen von Haut, Haaren und Muskeln zierten den Boden und offenbarten die Grausamkeit, die nicht nur ein Teil der Frauen erleben mussten.

Mit langsamen Bewegungen nahm ich ein bisschen Fleisch aus einer der Amphoren und warf es den Leoparden zu, doch sie interessierten sich kein Stück weit dafür.

Sie haben gerade erst gefressen, du Trottel. Du musst dir etwas Besseres einfallen lassen!, dachte ich und erstarrte zur Statue.

Ich grübelte und grübelte, doch dann fiel mein Blick auf einen Inhalt meines „Putzeimers“.

Es war ein kugelrunder Schwamm.

Ach was solls? Versuchen kann ich es ja, bevor ich angeknabbert und zerfetzt werde.

Ich ergriff also den trockenen Schwamm und rollte ihn vorsichtig über den Boden.

Er rollte und rollte und prallte schließlich gegen die Pfote eines kleinen Leoparden, den ich zuvor nicht gesehen hatte.

Ja genau! Die Gruppe ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied…gelingt es mir also dieses für mich zu gewinnen so stehen die Chancen zum Überleben zumindest nicht schlechter als zuvor.

Mit interessierten Blicken erkundigte sich das Tier nach dem fremden Gegenstand.

Es schnüffelte und berührte ihn zaghaft, wobei auch die anderen Leoparden abgelenkt wurden. Sie gaben ihre Fixierung auf mich auf und wollten nun selbst herausfinden, was es mit diesen weißlich, gelblichen Schwamm auf sich hatte.

Es war eine Wendung, die ich dazu nutzte um endlich meiner Arbeit nachzugehen. Ich setzte also an und fegte und wischte und schob die sterblichen Überreste in eine Ecke des Geheges.

Ein kleiner Haufen voller Knochensplitter und Fetzen entstand.

Ich war vollkommen vertieft bei dem was ich tat, sodass ich erst jetzt das markerschütternde geradezu dröhnende Fauchen um mich herum wahrnahm.

Es waren die Elterntiere, die mich böse umzingelt hatten und mit jeder Sekunde dazu bereit waren mich anzugreifen.

Mir stockte der Atem.

War das etwa das Ende?

Mir lief der Schweiß eiskalt den Rücken herunter als ich langsam nach einen der Stöcke, die eigentlich zur distanzierten Futtergabe dienten, griff.

Ich bewaffnete mich mit diesem und hoffte mit dessen Hilfe den angreifenden Raubkatzen etwas entgegensetzen zu können.

Und so kam der Ernstfall.

Einer der Leoparden, vermutlich das männliche Exemplar, setzte zum Sprung an, wollte auf mich zuschießen, als ein quiekender, hellhöriger Schrei alles übertönte.

Es war das Jungtier, das sich schützend vor mich warf. Es stellte sich vor mich hin und baute sich vor mir auf, um einem Wall zwischen mir und seinen Eltern darzustellen.

Die Eltern waren daraufhin völlig perplex, doch gaben schließlich ihre bedrohliche Haltung auf. Sie distanzierten sich sogar wieder von mir, aber ließen ihr Jungtier keinen Moment mehr aus den Augen.

Ich atmete erleichtert aus.

Glück gehabt!

Mein Körper entspannte sich allmählich wieder. Ich war mit dem Leben davongekommen und wollte deshalb so schnell wie möglich meine Arbeit beenden, als ein sanfter Gegenstand meine Beine berührte.

Es war der Schwamm, den ich zuvor gerollt hatte.

Das Leopardenjunge hatte es tatsächlich wieder zurückgerollt und sah mich nun mit großen Augen an.

Ich verstand seine Aufforderung und sah wie er zusätzlich seine Vorderpfoten nach vorne und seinen Körper nach hinten gerichtet hatte. Es wedelte sogar mit seinen ganz in schwarzgetupften Schwanz.

„Willst du, dass ich ihn werfe?“, fragte ich das Jungtier rhetorisch, als ich mich nach dem „Ball“ gebückt hatte und ihn aufhob.

Ich präsentierte dem Leoparden den „Ball“ und erkannte, dass es sich vollkommen darauf konzentrierte.

Ich verstand seine Reaktion als ein „Ja“ und warf schließlich den „Ball“. Ich rollte ihn behutsam über den Boden, denn ich musste vorsichtig sein.

Denn rollte ich ihn zu stark würde ich die Elterntiere womöglich erschrecken wenn nicht sogar provozieren und andererseits den „Ball“ nach draußen befördern.

Denn es bestand die Möglichkeit, dass der Schwamm durch die Gitterstäbe rollte und im Teich verschwand. Etwas, das ich dem Jungtier nicht antun wollte und erst recht nicht meiner Gesundheit.

Denn es wäre gefährlich es zu enttäuschen und schwer den vollgesogenen „Ball“ aus dem Wasser zu fischen.

Ich schleuderte den Schwamm also mit Bedacht und verfolgte wie das kleine „Fellknäul“ diesem hinterherjagte.

In Windeseile hatte er ihn in seinem Maul und brachte ihn mir voller stolz und mit einem flehenden Ausdruck zurück.

Ich ahnte, dass er nochmals wollte, also nahm ich den Schwamm behutsam entgegen.

Und obwohl er mir locker in die Hand hätte beißen können und genug Kraft gehabt hätte mir eine saftige Fleischwunde zuzufügen, gab er den „Ball“ frei und ich …ich warf von Neuen.

Der „Ball“ rollte, wobei ich wiederum Kot, Knochen, Blut und Fetzen zusammenwischte.

Ich beeilte mich soschnell ich konnte, denn ich wusste nicht wann die Gunst des Tieres erlöschen würde. Ich hatte mich also bereits bis zur Hälfte des Käfigs vorgearbeitet, als das Jungtier plötzlich auf mich zuschoss und den „Ball“ auf meine Füße legte.

Mit einem „Toll gemacht!“ honorierte ich dessen Leistung und nahm ein frisches Fleischstück aus einen meiner „Eimer“.

Ich verzichtete auf den Fressstock und sah wie dankbar das Jungtier mein Angebot annahm. Es schmatzte und schmiegte sich schließlich voller Dankbarkeit an meine Knie. Sein Fell war samtigweich, wobei ich den Mut gewann es selbst vorsichtig zu berühren.

Natürlich geschah dies auch unter den Argusaugen seiner wachsamen Eltern, doch sie taten nichts.

Ich atmete erleichtert aus, da sie die Berührung zuließen und war sichtlich erleichtert, dass mich zumindest ein Tier akzeptierte.

Ich konnte demnach meine Arbeit im ganzen Gehege ausführen und war davon begeistert, dass das kleine Leopardenjunge mir dabei nicht von der Seite wich.

Es war einfach ein guter Freund in so schier dunkler Stunde, sodass ich beschloss ihn einen Namen zu geben.

Ich taufte es auf den Namen „Blackwatt“.

Als alles erledigt war verabschiedete ich mich von „Blackwatt“ und gab ihm das letzte Fleischstück.

Ich schlenderte aus den Raum, wobei Custos mich empfing. Seine roten Haare waren total zerzaust.

Eine Eigenschaft, die dafür sprach, dass er sich mehrmals durch die Haare gefahren haben musste. Er schien also nervös zu sein, sodass ich fragte:

„Alles in Ordnung?“

Doch er bemerkte mich nicht.

„Custos?“

Ich schnipste mit meinen Fingern vor seinem Gesicht herum.

Sein Blick wurde klarer.

„Wie? Was?“

Er schloss mich in seine Arme.

„Es tut mir so leid! So leid!“

Er drückte mich noch stärker.

Ich verstand die Welt nicht mehr.

Ich riss mich also los und fragte:

„Was ist mit dir?“, doch er antwortete nicht sofort. Nein, er blickte mich nur mitleidig an. Doch dann fand er endlich seine Worte wieder…

„Ramses“, sagte er, „er will nun doch, dass du den Stymphalidenkäfig reinigst!“

Ich fiel aus allen Wolken. Das konnte nicht sein. Ramses schickte mich tatsächlich in die Gefahrenzone.

Mein Mund wurde trocken.

„Wann?“, brachte ich daher nur hervor.

„Jetzt, unverzüglich! Es tut mir schrecklich leid!“

 

Siebzehntes Kapitel:

 

„Klopf, Klopf!“

„Herein!“, gewährte ich Eintritt obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich diesen Besuch auch gutheißen würde.

Doch egal.

Es war sowieso schon zu spät, denn die Türe zu meinem Zimmer öffnete sich.

Drei bildschöne Frauen traten herein.

„Guten Abend…Selene?“, begrüßte mich eine von ihnen und war sich meines Namens noch nicht sicher. Sie hatte langes, braunes, zu einem riesigen Zopf gebundenes Haar.

Ich nickte.

„Ich bin Amani, die ‚erste Frau’ des Pharao. Besser gesagt, seine Mätresse erster Wahl.“

„Aha“, antwortete ich der orientalischen, mit viel Schmuck behangenen Dame.

„Oh und das sind Neiphytiri und Opal!“

Auch sie begrüßten mich mit herzlichen Worten und lächelten mich liebevoll an. Neiphytiri, eine vollbusige Blondine mit wuschigen Augenbrauen, jedoch ging noch etwas weiter und sagte:

„Ramses hält eben nichts von Ehe. Er hat nur Mätressen und keine Ehefrau.“

„Ja, er hält eben nicht viel von Monogamie, Rücksichtnahme oder Lieblichkeit. Davon hat er echt überhaupt keine Ahnung“, zog nun auch noch Opal über den Pharao her.

Es war eine offene Kritik, die mich überraschte, aber auch viel Aufschluss über das Leben mit dem Pharao bot.

„Ihr seid also auch nicht gerade vom Leben als Mätresse begeistert, nehme ich an?“

„So ist es! Wir sind genauso unfreiwillig hier wie du es bist. Nur mit dem Unterschied, das wir nicht aufgrund eines blutigen Schwertkampfes ‚auserwählt’ wurden, sondern aufgrund von beschissenen Kriegen“. bestätigte Opal weiter, wobei mir einiges noch klarer wurde.

„Ihr seid also Kriegsgefangene“, schloss ich traurig.

Alle nickten, wobei mir erst jetzt bewusst wurde, dass alle drei Frauen nackt und lediglich mit schwarzer sowie goldener Farbe versehen waren.

Sie waren allerdings derart kunstvoll damit bedeckt worden, dass ihre Nacktheit auf den ersten Blick nicht auffiel.

Die Farbe war sogar so gut aufgetragen worden, dass man ihre intimsten Körperstellen nicht sehen und als Kleidung wahrnehmen konnte.

„Ja, die blöden Kriege waren es, die unsere Körper zu Tempeln des Pharaos machten, die uns in diesen imposanten Palast gefangen halten. Denn wenn wir uns nicht dafür entschieden hätten…wenn wir nicht…wenn…dann-“

Neiphytiri verstummte und brach in Tränen aus, doch Amani war sofort zur Stelle und nahm sie vorsichtig in den Arm. Sie achtete darauf, dass die „Schminke“ nicht verwischte und sprach schließlich für sie weiter:

„Denn wenn wir es nicht getan hätten, dann wäre uns auch noch das Letzte genommen worden, das wir nach den Kriegen noch besaßen…unsere Familien.“

Mir zerriss es das Herz.

Ich spürte den Schmerz, den Druck der Vergangenheit und die offenen Narben, die sie belasteten.

Doch ganz besonders war diese Pein bei Neiphytiri zu erkennen, denn bei ihr hatte sich der Kummer bereits durch das Innere gefressen und drang bereits nach außen.

Sie ließ ungehindert Angst und Hilflosigkeit rausfließen, die sich keiner vorzustellen wagte.

„Der Pharao ist einfach ein verficktes A-Loch!“, explodierte Opal vor Wut, wobei sich Amani zähneknirschend an den Rücken fasste.

Ich sah also ganz genau hin und konnte es nun endlich unterhalb ihrer „Schminke“ erkennen.

Ich sah die Striemen, die Neiphytiri aus Versehen berührt hatte, erkannte die blutigen Streifen, welche auf ihrer Haut prangten.

Ich riss die Augen auf, wobei Amani meinen Blick bemerkte. Doch sie sprach mich nicht an, sondern begann ihre Aufmerksamkeit schnell wieder von mir abzuwenden.

Sie wandte sich lieber Neiphytiri zu und schien sich für ihre Verletzungen zu schämen.

War das etwa der Pharao? Behandelte er so seine Mätressen? Verprügelte er sie? Quälte er sie?

Ich nahm mir vor nachzuhaken, doch zuvor erhob ich mich vom Bett, ging zur Aloe Vera Pflanze in der Nähe und brach ein paar Blätter ab.

Ich riss ganz vorsichtig an ihr, damit nicht ein Tropfen ihres kostbaren Saftes verloren ging und brachte meine „Beute“ zu Amani.

„Das könnte dir etwas Linderung verschaffen und verhindert eine Infektion der offenen Stellen. Darf ich?“

Amani sah mich gerührt an und willigte schließlich ein. Ich träufelte ihr also den grünen Saft der Aloe Vera Pflanze auf die Wunden.

Mit jeden Tropfen, der ihre Verletzungen traf, zuckte sie etwas, war im Sonstigen aber tapfer und schweigsam.

Doch dies änderte sich als sie fragte:

„Was ist das für eine Pflanze?“

„Meine Mutter nannte sie ‚Aloe Vera’. Wie nennt ihr sie?“

„Keine Ahnung“, antwortete Neiphytiri stellvertretend, da sie unlängst ihre Tränen wieder zum Versiegen gebracht hatte.

„Und sie hilft wirklich gegen Schmerzen?“, hinterfragte sie ungläubig, wobei ich ihr dies versicherte:

„Ja, das tut sie. Aber sie verhindert auch Narben und Entzündungen.“

„Krasse Pflanze!“, gab Opal aufgrunddessen erfreut von sich und zollte der Pflanze Respekt.

„Und geht es dir schon besser, Amani“, erkundigte sich Neiphytiri, wahrscheinlich immer noch etwas skeptisch, weiter.

Amani nickte.

„Ja, viel besser. Danke der Nachfrage und Danke Selene!“

„Kein Ding und Vielen Dank für dein Vertrauen.“

„Ich hätte ehrlicherweise einfach alles getan damit diese furchtbaren Schmerzen endlich aufhören“, klärte mich die Misshandelte auf.

Sie wirkte dabei überaus entschlossen.

„Wie dem auch sei, willkommen in der ‚Familie’, Selene! Ach übrigens, Du bist ab jetzt Nummer zehn.“

„Zehn?“, wiederholte ich geschockt und angewidert.

„Jep und je nach dem wie gut du im Bett bist, je sehr der Pharao deine Körperlichkeiten zu schätzen weiß desto höher steigst du auf oder ab“, berichtete Neiphytiri mir ausführlich.

Es war eine wirklich…wirklich überaus ausreichende Erklärung, die ich am liebsten nicht gehört hätte. Es war einfach zu viel Info, wobei ich Neiphytiri’s Worte erstmal sacken lassen musste.

Ich hätte nicht weiter fragen sollen, doch meine Neugier überwog wie sooft.

„Also das bedeutet, dass-“

„Amani am besten ficken kann, ja“, beendete Opal, den von mir begonnenen Satz.

Ich wollte eigentlich auf etwas anderes hinaus, hatte aber dafür Bilder im Kopf, die mich wahrscheinlich für immer verfolgen würden.

Ich schüttelte, nachdem ich mich wieder gefangen hatte den Kopf und stellte klar:

„Das bedeutet also je schlechter man ist desto geringerer ist der persönliche Rang, was möglicherweise die Folge hat, dass man aufgrund des schlechten Sex nicht mehr angefasst wird. Und das führt schlussendlich zur Frage weshalb ihr euch dann überhaupt noch ‚anstrengt’, wenn ihr ihn so abstoßend findet wie ich es tue?“

Die Antwort folgte prompt. Sie war kurz und knackig. Sie lautete:

„Selektion!“

Ich verstand.

„Er siebt also aus.“

„Ja, die hintersten drei werden von ihm nach einer unbestimmten Zeit zu Tode gefoltert oder den Wesen im ‚Goldenen Labyrinth’ zum Fraß vorgeworfen.“

Mich traf der Schlag.

Ich war wie gelähmt und war nun diejenige, die nach Worten rang. Ich versuchte also mein Glück und stammelte:

„Das goldene…was? Welche Wesen?“

„Das ‚Goldene Labyrinth’! Es ist ein unterirdischer Irrgarten des Palastes und besteht aus purem Gold. Es wird auch als ‚Gefängnis der ewigen Verdammtheit’ bezeichnet, weil die Wesen, die dort drin sind verflucht sind und auf ewig dazu verdammt sind im Dunkeln eingesperrt zu sein. Die Wesen sollen zudem Menschenfresser sein und nun ja…verspeisen die Sterblichen, welche im Labyrinth eingeschlossen werden. Wie sie allerdings im Detail aussehen weiß hier keiner so genau, denn keinem gelang es bisher aus dem Ausgang im Herzen des Labyrinthes zu fliehen“, endete Opal mit der Versinnbildlichung des Grauens und atmete tief durch. Sie hatte ohne Punkt und ohne Komma geredet, um die Spannung nicht abbrechen zu lassen und brauchte nun Luft.

Ich war geschockt.

Ich musste mich zunächst einmal sammeln, doch dann sagte ich:

„Ich verstehe nun, verstehe es unter welchem gewaltigen Druck ihr hier alle steht und auch das ihr dazu gezwungen seid euer Bestes zu geben.“

„Nicht nur wir, liebe Selene. Nein, auch du musst dies nun tun.“

Mich schüttelte es vor Ekel.

Schon die reine Vorstellung, dass mich dieser widerliche alte Sack anfasste, brachte mich zum Würgen.

„Zum Kotzen, ich weiß“, las Opal meine Gedanken wie aus einem offenen Buch.

„Dieser widerliche, dreckige, alte Mistsack!“, warf ich dabei ein und ballte dabei meine Hände zu Fäusten. Ich war stocksauer, aber besaß ein überwältigendes Maß an Selbstbeherrschung und fing mich wieder.

Amani, Opal und Neiphytiri sahen mich an.

„Nun denn, eigentlich sind wir hier, um dich zu untersuchen, Selene. Um uns davon zu überzeugen, dass du tatsächlich noch Jungfrau bist…für den Pharao, versteht sich.“

„Ohhh“, entfuhr es mir dabei etwas verzweifelt. Denn wie konnte ich ihnen etwas zeigen, dass schon längst nicht mehr da war. Etwas, das Solonis schon bekommen hatte?

„Was bedeutet ‚Ohhh’?“, hinterfragte Amani überrascht und setzte dabei einen fragenden Blick auf.

„Nun ja-„, begann ich.

„Sie hat ihr ‚Kätzchen schon zum Spielen’ rausgeholt“, schlussfolgerte Neiphytiri subtil.

„Du bist keine Jungfrau mehr?“, platzte es aus Amani unverblümt heraus. Sie war sichtlich geschockt.

Ihre Nerven lagen blank.

Aber auch die von Neiphytiri schienen ihren Zenit erreicht zu haben und führten dazu, dass sie mich unentwegt niederstarrte.

Sie wollte mir mit ihren Blicken eine Antwort entlocken, sie gewissermaßen aus mir herausquetschen und schaffte es schließlich.

„So ist es“, bestätigte ich nämlich kleinlaut, wobei sich ihre Perplexität sich in pure Panik verwandelte.

Sie schienen nicht zu wissen wie sie mit mir im Weiteren verfahren sollten und starrten sich an.

„Das ist eine Katastrophe!“, stieß Amani schließlich hervor und erhob sich vom Bett. Sie schritt auf und ab und verschwand in ihren Gedanken. Sie musste nun erstmal nachdenken.

„Du dummes Ding! Weißt du denn nicht was das für dich bedeutet?“, blaffte nun auch Neiphytiri herum und stierte mich böse an.

Dennoch antwortete ich:

„Ja, Folter mit Todesfolge oder ein Oneway-Ticket ins ‚Goldene Labyrinth’“

Alle schüttelten den Kopf.

Bedrückende Stille trat daraufhin ein. Sie erdrückte mich fast, doch dann machte es…

„Krrrrrrrrrrr…“

Ein markerschütterndes Geräusch durchbrach das Schweigen.

Opal hatte diesen schrecklichen Laut von sich gegeben und machte die dazugehörige Geste.

Sie „schnitt“ sich mit dem Zeigefinger über den Hals.

Ich schluckte.

„Mein sofortiges Todesurteil“, murmelte ich geistesabwesend.

„Ganz genau. Wie konntest du also nur?“, warf mir Amani vor. Sie klang besorgt und zeigte mir dadurch, dass sie mich bereits in ihr Herz geschlossen hatte.

„Woher sollte ich denn wissen, dass ausgerechnet der Pharao dahergeschissen kommt? Ich bin keine Seherin? Ich bin lediglich eine Frau, die mit ihrem Verlobten ihr erstes Mal erlebt hatte“, verteidigte ich mich vielleicht zu barsch, aber auch voller Verzweiflung.

Denn ich vermisste Solonis sehr.

Vermisste seine Haut, seinen Geruch, seine Stimme.

Ich vermisste das Gefühl von Geborgenheit in seiner Nähe und seinen Armen.

Ich vermisste all das und vieles mehr.

Ich hätte in diesen Moment alles gegeben, um wieder bei ihm zu sein.

„Du bist verlobt?“

Alle Drei waren gespannt auf meine Antwort und wollten, dass ich diese Begebenheit erneut zur Sicherheit bestätigte. Denn sie misstrauten wohl anfangs ihren Ohren.

Ich nickte also.

„Ach, du meine Güte!“

Geschockte Gesichter blickten mich an.

„Wenn das der Pharao herausfindet…“, beklagte Opal.

„Er weiß es bereits.“

„WAS?!“

Amani, Opal und Neiphytiri starrten mich fassungslos an und verwirrten mich. Doch dann verstand ich das Missverständnis und erklärte.

„Der Pharao weiß, dass ich mit Solonis so gut wie verheiratet bin, aber nichts von meiner abhanden gekommenen Jungfräulichkeit.“

Sie atmeten wieder erleichtert aus. Sie hatten in all dem Durcheinander wohl den Faden verloren und regten sich wieder ab.

„Solonis?…“, grübelte Neiphytiri vor sich hin, „heißt nicht einer der Wachen so?“

„Ja, er ist mein Verlobter.“

„Ohhhhh…“, schwärmte Opal hingerissen. Sie war hin und weg von meiner hörbaren Leidenschaft für ihn, doch Neiphytiri sah alles anders.

„‚Ohhhh’, spinnst du? Wegen ihm ist sie keine Jungfrau mehr!“

„Nicht so laut, Neiphytiri! Ganz ruhig. Dahingehend fällt uns bestimmt noch etwas ein. Wir müssen Selenes Leben retten“, rügte Amani und verpasste ihr eine verbale Kopfnuss, die wohl gesessen hatte, denn alle begannen nun angestrengt nachzudenken.

Sie versuchten wohl alle einen Plan zu schmieden, der meine verlorene Jungfräulichkeit vertuschte.

Ich bangte also voller Inbrunst, doch verlor mehr und mehr die Hoffnung je länger Amani, Opal und Neiphytiri zum Nachdenken brauchten.

Doch dann rührte sich doch noch Neiphytiri und schien die vermeintliche Lösung zu wissen.

Ich wartete also ganz gebannt auf ihren Vorschlag, doch sie motzte nur:

„Man schläft nicht mit jemand mit dem man nicht verheiratet ist, das gehört sich nicht“

„Boah; Neiphytiri! Sei bloß still, immerhin sind wir ja auch nicht mit dem Pharao vermählt und ficken mit ihm. Wir machen sogar Dinge mit ihm, die sehr grenzwertig sind. Also du siehst: Gegen uns ist Selene immer noch die Unschuld vom Lande.“

Ich war wiedermal zutiefst erschüttert.

Denn Opal hatte erneut eine entsetzliche Facette des Mätressendaseins aufgedeckt.

„Grenzwertiger Sex?“, fragte ich daraufhin, doch weder Amani, Opal noch Neiphytiri wollten mir eine Antwort geben. Sie wollten mich anscheinend vorerst vor diesem Wissen schützen und sagten nur:

„Der Pharao ist grausam und noch grausamer, wenn es nicht nach seinen Vorstellungen läuft. Er veranlasst schreckliche Dinge, misshandelt uns und auch sein Volk. Er aalt sich in der Missgunst anderer und weidet sich an ihren Schmerz. So zwingt er jede Mätresse zur Abtreibung.“

Ungeheure Stille trat daraufhin ein.

Eine, die sich wie ein Schlag ins Gesicht anfühlte.

Ich wusste nicht was ich sagen sollte und erkannte nur wie böse Amani Opal ansah.

Sie schien erzürnt über ihre Worte zu sein und blickte schließlich zu Neiphytiri.

Diese hatte ihren Kopf zu Boden geneigt und ihre Hände auf ihren Bauch gelegt.

Und dann checkte ich es.

Neiphytiri selbst war Letzteres geschehen und rang nun mit den Tränen.

Auch Opal kam dabei zur Einsicht und erkannte ihren Fehler. Sie entschuldigte sich und nahm Neiphytiri, ebenso vorsichtig wie Amani, in den Arm.

Tränen kullerten und kamen nun nicht mehr nur von Neiphytiri, nein auch Opal, Amani und ich kämpften mit der Trauer.

Alle drei Frauen weinten nun bitterlich und auch ich konnte nicht länger an mich hallten.

Denn diese Tatsache, diese Erkenntnis war einfach viel zu grausam, war so unmenschlich, dass mir nichts anderes übrig blieb als meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Denn ich, so war ich mir sicher, wäre bestimmt an dieser Situation zerbrochen. Denn diese Qualen, die Neiphytiri und andere erleiden mussten, mussten unbeschreiblich sein.

Es war eine Gräueltat, die ich keiner Frau wünschte.

Eine Tat, die unter allen Umständen zu verhindern galt. Denn keiner durfte jemanden diese Entscheidung abnehmen oder dazu zwingen.

Und keiner außer die Frauen selbst sollten über ihren eigenen Körper entscheiden.

Und so kam mir ein wichtiger Gedanke, der wichtige Hilfe versprach.

Es war der Gedanke an die Antibefruchtungspille meiner Mutter.

Ich musste ihr Geheimnis, das Geheimnis des Mittels öffentlich machen.

Ich musste es mir zur Aufgabe machen, jenen Frauen, allen Frauen dieses Mittel zugänglich zu machen.

Ich musste sie vor weiteren Missbrauch retten und beschützen.

Ich musste es schaffen und schwor es mir.

Und so geschah es, dass ich nun ein Ziel vor Augen hatte, eines das mich daran hinderte den feigen Weg des Selbstmordes zu beschreiten. Denn diese Frauen brauchten mich, Solonis brauchte mich, insofern er mich nach diesen sieben Tagen überhaupt noch haben wollte.

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