Kapitel 4

Der große Tag war angebrochen.

Bereits am frühen Morgen war ich daher aufgestanden und wollte so schnell wie möglich alle erforderlichen Dinge erledigen.

So stark war meine Sehnsucht nach Selene.

Und so ernorm war die Angst, sie für immer verlieren zu können.

Ich hatte schon vieles geschafft, hatte so zum Beispiel genug Wasser für unsere Flucht besorgt, genug Obst und gepökelten Fisch gekauft und all das in meiner kleinen Einzimmerwohnung zwischengelagert.

Doch das Wichtigste fehlte noch.

Ein Streitwagen.

Gezogen von zwei leistungsstarken Rossen mit genug Platz für meine Selene, mich, den besorgten Lebensmitteln sowie unseren essenziellen Habseligkeiten.

Ich war gerade dabei, mich auf dem Markt für ein geeignetes Objekt umzusehen, als Custos und Gladius plötzlich hinter mir auftauchten.

Sie waren ebenso wie ich hohe und unentbehrliche Wächter des Pharao.

Ich zuckte zusammen.

„Solonis! Bist du denn wahnsinnig. Der ganze Hofstaat sucht schon nach dir. Du bist sogar zur Fahndung ausgeschrieben. Was denkst du dir nur dabei nicht zur Arbeit zu erscheinen?“, warf mir Custos wütend vor.

Er war ein großer Kerl mit wilder blonder Haarpracht und besaß ebenso wie ich die Flügelsonne an seinem rechten Handgelenk.

„Selene und ich-“

„Du und deine Selene, schon klar. Ihr seid unzertrennlich, aber das bedeutet nicht, dass du deine Pflichten als Wächter des Pharao vernachlässigen darfst. Er ist nicht gerade für Gnade bekannt. Also wenn du jetzt keinen Kopf kürzer gemacht werden möchtest, komm mit uns!“

„Nach mir wird schon gefahndet? Meine Schicht begann doch erst vor wenigen-“

„Warum so schockiert?“, unterbrach mich Custos daraufhin, „Warum nimmt dich das so mit, dass an jeder Ecke nach dir gefahndet wird? Wolltest du fliehen oder was?“

Ich schwieg.

„Solonis!“

Beide Kumpel rauften sich die Haare.

Waren wahrscheinlich bestürzt über meine Naivität und mein überstürztes Handeln.

„Du bist verrückt.“

„Nein, verliebt!“, zischte ich Custos gerade an, als Passanten begannen uns anzusehen.

Ich zog Custos und Gladius beiseite und sprach in gedämpfter Stimme:

„Ich muss es tun. Für Selene. Ihr kennt ja das Spektakel des Pharao. Ich muss es riskieren.“

Custos stand noch immer die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben, doch dann sagte Gladius:

„Dann sei kein Narr und fliehe nach der heutigen Arbeit. Ohne Fahndung. Mit Selene! Mit ihr an deiner Seite.“

Ich stutzte, musste überlegen.

Musste unsere Chancen abwägen, doch Custos besiegelte schon bald meine Entscheidung, indem er vorschlug:

„Geh noch heute zum Pharao, leiste deinen Dienst, beende die Fahndung und dann helfen wir dir bei eurer Flucht!“

Er streckte mir seine gebranntmarkte Hand entgegen und wartete darauf, dass ich in diese einschlug.

Doch ich hielt an mich.

„Ihr war heute schon im Palast, nicht wahr?“

Meine Kollegen nickten.

„Und ihr habt bereits den Pharao zu Gesicht bekommen?“

Sie nickten wiederum. Blickten sich diesmal allerdings fragend an.

Sie wussten offensichtlich nicht was ich mit meiner Fragerei bezwecken wollte.

„War der Pharao überaus beschwingt? Verzieh er Fehler unbekümmert? Wie ist er drauf?“ „Er hat einen Sklaven, der heute ein Tablett fallen ließ, eine Hand abgeschnitten, ihn seinen Stumpf ausgebrannt und sein abgetrenntes Körperteil den Tigern zum Fraß vorgeworfen.

Er ließ den Sklaven dabei zusehen, also kann ich nicht leugnen, dass der Pharao keinen Spaß gehabt hätte. Doch im Sonstigen war er heute vielmehr mürrisch als euphorisch.

Also keine guten Aussichten für dich, Solonis.“

„Doch Isis sei Dank bist du ein Herr des Stabes und bist durch deine seltene Gabe geradezu unentbehrlich für ihn. Daher stehen deine Chancen doch nicht so schlecht“, ergänzte Gladius und bezweifelte somit das pessimistische Denken des Custos.

Eine Sache, für die ich ihm sehr dankbar war ebenso wie für seine vernünftige Art und seine guten Ratschläge.

Was soll ich sagen?

Der Rotschopf mit den vielen Tattoos hatte es eben drauf.

Dennoch musste ich etwas richtig stellen:

„Das ist nicht der Grund meines Fragens. Sondern die Tatsache, ob er das Spektakel schon heute plant. Habt ihr diesbezüglich irgendetwas vernehmen können? Irgendwelche Anzeichen? Befehle?“

Sie verneinten.

Mein Puls beruhigte sich.

Denn ich wusste, ich konnte den Worten meiner besten Freunde Glauben schenken und schlug schließlich in den Handschlag des Custos ein.

Unser Pakt war besiegelt und ich erfüllte meinen Teil der Abmachung.

Ich kehrte mit Custos und Gladius in den Palast zurück und stellte mich dem Pharao.

Alles nur, um die Fahndung aufzuheben und Selene und mir eine mindergefährliche Flucht ermöglichen zu können.

 

 

Ich ging gerade meiner Tätigkeit als Töpferin nach.

Formte eine Amphore aus feuchtem Ton, als mein Vater einen kunstvollen Teller an eine Kundin des Geschäftes verkaufte. Sie wirkte zufrieden und ging.

Es war kurz vor Nachmittag, wobei mein Herz vor Vorfreude einen Sprung machte.

Denn schon bald würde Solonis bei mir sein und seine gemeinsame Zukunft mit mir beginnen.

Doch egal wie sehr ich mich darauf freute, mischte sich auch eine Prise Wehmut und eine gehörige Portion Angst zu meiner Freude bei.

Denn ich wusste, dass es gefährlich werden würde.

Denn sollten wir in die Hände von Wächtern gelangen, wäre unsere Strafe eindeutig: der Tod.

Doch ich war bereit das Risiko einzugehen.

Alles für meine Liebe aufs Spiel zu setzten, alles aufzugeben und hatte ein Schubfach für die Flucht mit Solonis zusammengepackt.

Es lag oben auf meinem Bett.

Zum Fliehen bereit und enthielt, die für mich wichtigsten Dinge: Reinigungsartikel, Bürsten, die Aufzeichnungen meiner Mutter, Kleidung, die magischen Pillen, mein Zauberstab sowie das Kästchen meiner Verlobung.

Ich war also vorbereitet und sehnte mich, mit jedem Wimpernschlag, nach der Ankunft meines geliebten Solonis.

„Selene?“, ertönte der vermeintlich erlösende Klang meines Namens, doch es war nicht Solonis, der ihn erzeugte.

Ich hob also meinen Blick.

Zwei muskulöse Wachen des Pharao standen an der Schwelle des Keramikladens.

Waren mit Schild und Schwert bewaffnet und sahen mich an.

Sie wirkten sehr einschüchternd auf mich.

„Selene, Tochter des Kek!“, wiederholte einer der Beiden.

Es war der Gleiche, der zuvor schon meinen Namen in den Raum gerufen hatte.

In mir breitete sich ein ungutes Gefühl aus.

Dennoch antwortete ich:

„Ja, so heiß ich.“

Ich bereute es unverzüglich.

Denn nun schossen die Wächter in den Raum und begannen nach mir zu greifen.

Ich wehrte mich mit Händen und Füßen, stieß dabei sogar die Drehscheibe inklusive Amphore um, doch es half nichts.

Die Zwei waren einfach viel zu stark für mich.

Es gelang ihnen daher mich unter den Armen zu packen und mich wegzuzerren.

„Was soll das werden?“, schnauzte mein Vater daraufhin erbost.

Er war anscheinend gerade aus seiner Schockstarre erwacht und zeigte vielleicht doch etwas väterliche Fürsorge.

„Anweisung des Pharao.“

Mein Vater brauchte etwas bis er verstand.

Er blickte geschockt und raunte: „Das geht nicht…“

Ich war gerührt.

„…sie ist meine einzige Töpferin. Ich brauche sie für mein Geschäft.“

Und schon war die Gerührtheit verflogen.

Ich war zutiefst verletzt und musste augenblicklich mit den Tränen kämpfen.

Denn ich wusste nun, wo genau ich bei meinem Vater stand:

Ganz weit unten.

War eine billige, lukrative Arbeitskraft für ihn.

Nicht mehr und nicht weniger.

Tränen rannen mir nun doch über die Wangen, als die Wachen mich weiter aus dem Raum zogen.

Ich trat und schrie.

Sie wollten mich gerade herausbringen, als mein Vater nochmals nörgelte:

„Und was soll ich jetzt machen? Soll ich meinen Laden dicht machen, oder was?“

Doch einer der Wächter zog nur einen braunen Lederbeutel und warf diesen meinem Vater zu.

Er öffnete ihn, wobei seine Augen zu funkeln begannen.

Er stülpte einen Teil des Inhalts in seine Hand und zeigte mir den Grund dafür.

Viele kleine Edelsteine kamen zum Vorschein. Aber auch zahllose Geldmünzen waren zu erkennen.

Kurzum genug Kostbarkeiten, welche für den Rest seines Leben reichen würden.

Es ihm ermöglichte bis zu seinem Tod in Saus und Braus zu leben.

„Für deine Unannehmlichkeiten“, sagte schließlich doch eine Stimme.

Es war die des bisher stummgebliebenen Wächters, wobei mein Vater zufrieden nickte.

Mein Herz zerbrach.

Mein Vater hatte mich verkauft.

Mich weggeworfen.

Ich konnte es noch immer nicht glauben, als die Wachen mich schlussendlich über die Schwelle des Ladens zogen.

Ich wehrte mich noch immer, doch sie schliffen mich hinaus.