Kapitel 18 & 19

Mit einem unscheinbaren „Klick“ öffnete sich die Pforte zu den Stymphaliden.

Mein Herz hämmerte gegen die Brust und übertönte dabei das Geräusch des Schlüssels.

Es übertönte einfach alles, bis zu dem Moment als ich die Tür geöffnet hatte und einen spitzen, ohrenbetäubenden Lärm wahrnahm.

Es war einer dieser Stymphalidendinger, das sein spitzes Metallmaul wüst aufgerissen hatte, um diesen schrecklichen Schrei auszustoßen. Es prustertete sich mit seinen metallenen Federn auf und überschattete alles was darunterlag. Es überschattete alle Schädelknochen, alle Oberschenkelknochen und alle Kothaufen.

Ich war geschockt und stand regungslos da. Ich konnte es einfach nicht glauben, dass ein derartiges Monster tatsächlich existieren konnte und bemerkte dabei nicht, dass es bereits ein anderer Artgenosse auf mich abgesehen hatte.

Schneller als der Schall, schoss einer seiner Metallpfeile auf mich zu, doch ich konnte mich noch immer nicht rühren.

Ich stand also noch immer wie angewurzelt da bis etwas an mir vorbeirauschte und die Tür vor mir zuzog.

Es rummste gewaltig.

Und dann sah ich es, ein gewaltiger Federspeer hatte die eiserne Tür getroffen und hatte sich dort wie durch ein Stück Papyrus gebohrt.

Er luckte nur wenige Zentimeter an mir vorbei, sodass ich völlig erschrocken nach hinten stolperte und zu Boden ging.

„Solonis?“

Ich blickte auf.

Mein guter Freund Custos hatte seine gebrandmarkte Hand nach mir ausgestreckt und hielt sie mir hin.

Er hatte mich gerettet.

Er hatte mir die Türe vor der Nase zugeknallt und war mir zur Hilfe geeilt.

Er war somit ein wahrhaftiger Freund und genoss nun nur noch mehr mein Vertrauen.

„Danke“, schätzte ich schließlich seine hilfreiche Tat und ergriff seine Hand. Ich stand noch immer etwas neben mir und ließ mich daher von ihm hochziehen.

„Das waren…das waren Monster…das waren-“

„Stymphaliden!“, ergänzte Custos, „Ja, der erste Anblick ist der Schlimmste. Doch der dazugehörende Schock ist noch viel schlimmer und vor allem gefährlicher. Ich ahnte also, dass du Hilfe brauchst.“

Ich nickte unmerklich.

„Ich schätze, du hättest mir nach Befehlen des Pharaos nicht unter die Arme greifen dürfen, nicht wahr?“

„So ist es, aber Gladius und ich befanden anders. Wir waren uns einig dir zu helfen. Siehst du! Das fiese Verhalten von uns hatte seinen Sinn, denn nun können wir effektiver eingreifen und auf dich und Selene aufpassen. Denn wir sind noch immer die Augen und Ohren des Palastes.“ Ich begriff und war trotz ihres manchmal undurchdachten Verhaltens froh sie an meiner Seite zu wissen.

Ich vergaß also den gegen ihnen gehegten Groll und lächelte.

„Ich war gerade bei Amani. Sie ist gerade bei Selene und ich hab sie nach der Crux der Stymphaliden gefragt…“

„Und?“, fragte ich erwartungsvoll.

„Du musst sie mit Wasser bespritzen, sie vollkommen einnässen. Das ist der Schlüssel! Ja, genau das sagte sie!“, vermittelte mir Custos die wertvolle Information und verschwand wieder aus dem Zwinger.

Ich ahnte zwar, dass seine Zeit hier mit mir begrenzt war, damit es nicht auffiel, aber hatte dennoch gehofft, dass er zumindest bis zur Erledigung der Crux an meiner Seite blieb.

Ich wollte Custos noch ein „Danke!“ nachrufen, doch ehe ich auch nur die Lippen öffnen konnte war mein Kumpel bereits durch die Eingangspforte verschwunden.

Ich war nun vollkommen mit mir und meinen Gedanken allein und fragte mich woher ich nur das Wasser bekommen könnte.

Ich überlegte kurz und war froh, als mir der Abstellraum in den Sinn kam. Ich beschloss in diesen nachzusehen und schlenderte zur Tür neben den Leopardengehege. Ich öffnete sie mit einem „Klick“ des Löwenschlüssels und hoffte in all dem Durcheinander auch wirklich den richtigen Raum erwischt zu haben.

Ich öffnete also und bangte.

Und…

Es war wirklich der Abstellraum.

Ich atmete erleichtert aus.

Ein großflächiger Raum mit diversen Futtermitteln, Behältern und Putzutensilien erstreckte sich vor mir. Ich durchsuchte alle Amphoren nach Wasser, doch ich fand nur eine einzige.

Ernüchterung machte sich beim mir breit.

Verflucht! , dachte ich dabei nur und starrte in die Ferne.

Ich blickte durch die Gitterstäbe des Abstellraumes nach draußen, wobei es mir schlagartig wieder einfiel.

Der Teich!

Ich schleppte also zwei leere Amphoren zur Eingangstüre, öffnete diese und traf auf Custos und Gladius.

Auch sie bemerkte mich und drehten sich zu mir um.

Kühle Blicke trafen mich, ehedem sie sich wieder zurückwandten und mir die kalte Schulter zeigten.

Sie mussten ihr Laientheater anscheinend weiterspielen und mussten so tun, als könnte ich von ihnen keine Hilfe erwarten. Sie wahrten also den Schein.

Ich ließ mich also nicht beirren und tauchte die Amphoren nacheinander ins Wasser.

Blasen stiegen auf.

Sie stiegen und stiegen bis die Amphoren voll waren und ich sie hochzog. Ich schleppte sie zurück zum Zwinger und stellte sie neben die verschlossene Türe des Stymphalideneingangs. Danach holte ich die volle Amphore Wasser aus dem Lagerraum.

Und tat all dies, um zu Hundertprozent sicherzugehen, dass ich genügend Wasser besaß, die ich den drei Monstern entgegenbringen konnte.

Ich hatte also alles bereit und wusste, dass es endlich soweit war. Ich musste mich meiner Aufgabe stellen und riss, mit einer Amphore im Anschlag, die Pforte der Stymphaliden auf. Sogleich fasste ich eines der Monster ins Auge und übergoss es mit Wasser.

Es kreischte lauthals und sackte regungslos zu Boden. Es war anscheinend K.O. gegangen.

Beruhigende Freude stieg in mir hoch, doch ich konnte sie nicht länger genießen, denn bereits ein zweiter Federpfeil hatte es auf mich abgesehen. Er schoss auf mich zu, doch diesmal ließ ich mich von meiner Angst nicht lähmen und tat das was Custos bereits für mich getan hatte. Ich knallte die Metalltüre schlagartig vor mir zu und sprang sogar diesmal zur Seite. Denn ich wusste nun, dass die Pfeile das Metall der Türe mühelos durchdringen konnten.

Es machte wieder gewaltig „Rumms!“ und der zweite Pfeil fand sein Zuhause im Inneren der Türe.

Doch davon ließ ich mich nun nicht mehr entmutigen, denn ich war im Besitz einer wichtigen Sache: Der Crux der Stymphaliden.

Ich wusste also wie ich sie besiegen konnte und überwand meine Furcht und den Schrecken. Ich öffnete also erneut und übergoss ein weiteres Monster mit einer lähmenden Wasserdusche.

Ich hatte demnach nur noch ein Monster zu bekämpfen, einen fairen Kampf zu bestreiten, aber das Mistvieh war aggressiv.

Es war aggressiver als seine Artgenossen und verflucht gerissen. Denn es schien zu wissen, was ihm bevorstand und versuchte sich mit allen Mitteln zu wehren. Es schrie also auf und flog blitzschnell auf mich zu. Es breitete dabei seine imposanten Metallflügel aus und stieß mich mit gewaltiger Kraft aus dem Zwinger.

Ich landete hinterrücks auf dem Uzath-Auge-Mosaik und stöhnte unter dem Gewicht des Stymphaliden. Seine Krallen hatten sich dabei streng in meine Schultern gebohrt und sein spitzer Schnabel war nur noch wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt.

Ich wusste, dass er diesen früher oder später in mich hineinstoßen und mich langsam fressen wollte, doch sah zuvor noch wie mein Leben vor meinem geistigen Auge vorbeizog.

Viele Bilder erschienen.

Sie reichten von meiner jüngsten Vergangenheit bis hin zu meiner späteren Gegenwart. Sie zeigten meine Kindheit und die Stufen bis zu meinem Erwachsensein. Doch nur eine Person blieb mir dabei wirklich im Gedächtnis. Nur eine Person brannte sich wirklich in mir ein.

Es war meine Selene, mein Mondschein, meine Liebe, meine Freundin, meine Verlobte, meine Seelenverwandte.

Sie erinnerte mich daran wie kostbar das Leben war und zeigte mir für was ich überhaupt kämpfte. Sie weckte in mir neue Kraft und half mir mit dieser dem Stymphaliden die Stirn zu bieten.

Ich schlug also auf den Vogel ein, drosch mit meinen bloßen Fäusten auf seinen Kopf und drückte seine organischen Augen.

Er schrie vor Pein und wich vor mir zurück. Nur kurz, doch lange genug, sodass ich mich zur Seite rollen und erheben konnte.

Meine Fäuste schmerzten und bluteten, meine Knochen waren taub und schwer, doch ich durfte nicht aufgeben. Ich riss also die letzte Wasseramphore an mich und schüttete den Inhalt auf das schreckliche Ungetüm.

Es brach zusammen und ich…ich begann mich aufzuraffen. Ich brauchte dafür zwar ein paar Momente, doch dann riss ich mich zusammen und griff nach meinen Besen. Ich kehrte zum Stymphalidenkäfig zurück.

Zum Glück waren die anderen zwei Stymphaliden noch immer handlungsunfähig, sodass ich ohne den geringsten Widerstand den Boden säubern konnte.

Ich wischte einfach um die imposanten Vögel herum und schob zum Schluss den heimtückischen Koloss, der mich angegriffen hatte, zurück in seinen eisernen Käfig.

Das Schieben war zwar hart, doch das Werk war getan.

 

Neunzehntes Kapitel:

 

Custos hatte die Stille durchbrochen.

Er war zu uns gekommen, um Amani eine Frage bezüglich irgendwelcher „Stymphaliden“ zu stellen und hatte prompt eine Antwort von ihr erhalten. Sie war sehr hilfsbereit und das absolute Gegenteil von neugierig. Denn sie fragte nicht mal im Ansatz weshalb und wozu er diese Info brauchte und antwortete in schnellen Sätzen.

Sie schien zu merken, dass Custos in Eile war und spürte wohl die Dringlichkeit der Information.

Wie auch immer, verabschiedete sich Custos schließlich so schnell wie er uns begrüßt hatte und rannte aus den Raum.

Ich konnte sein Verhalten nicht einordnen, aber hoffte, dass sie nichts mit meinen Solonis zu tun hatte.

Ich wusste nur, dass Custos Besuch, den Kummer des Leides wieder verbannen und ins Innere zurückschließen konnte.

Das bedrückende Schweigen von zuvor war also vorbeigegangen und entzündete bei Amani diesen Gedankengang. Sie sagte:

„Wir verkünden dem Pharao, dass du tatsächlich Jungfrau bist. Wir behaupten es einfach. Und dann wenn er-“

„’Tolle’ Idee. Wenn er das herausfindet sind wir alle dran. Und glaube mir, er wird es herausfinden“, unterbrach Opal Amanis Redefluss, wobei diese sofort einen bösen Blick kassierte.

„Lass mich doch erstmal ausreden. Also…Und dann wenn er dich fragt wo du zum ‚ersten Mal’ Sex haben willst sagst du –“

„Ich darf selbst auswählen? Ich dachte alles müsse nach seinen Vorstellungen laufen?“, unterbrach ich sie, wobei auch sie mich etwas finsterer ansah. Doch sie schien mir schnell zu verzeihen, denn sie antwortete freundlich:

„Nur beim ersten Mal, danach ist er gnadenlos“.

Ich verzog mein Gesicht. Das alles war einfach zu viel für mich, doch Opal und Neiphytiri drängten Amani zum Weiterreden. Sie setzte also nocheinmal an und sprach:

„Und dann wenn er dich fragt wo du zum ‚ersten Mal’ Sex haben willst sagst du einfach im Badesaal. Aber bedenke, dass du statt Wasser ein Milchbad haben möchtest. Denn Milch verdeckt so einiges und verbirgt dein kleines Geheimnis.“

„Kleines Geheimnis? Pah!“, höhnte Neiphytiri, woraufhin Opal lobte:

„Ja, das könnte wirklich funktionieren und wir sind alle aus dem Schneider.“

Die Frauen sahen schlussendlich zufrieden aus, nur ich war da ganz anderer Meinung. Denn ich…ich war mit der Gesamtsituation unzufrieden. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen mit diesen „perversen Pisser“ zu schlafen und wollte mich nicht mal der Vorstellung hingeben ihn nackt sehen zu müssen.

Der alte Pharao ohne Kleidung?…mein Magen verkrampfte sich.

Ich kämpfte mit einem inneren Kotzgefühl, eines das den Frauen nicht unbemerkt blieb. Sie sahen also meinen inneren Zweifel und meinen inneren Konflikt.

„Selene, wir wissen wie hart das Ganze für dich klingen muss, aber du musst uns versprechen, dass du von dem Plan kein Stück abweichen wirst. Wir müssen uns nämlich zu Hundertprozent auf dich verlassen können, zu viel steht dafür auf dem Spiel!“

„Ja, genau gesagt all unsere Ärsche, ich meine Köpfe.“

Ich blickte in die hoffnungsvollen Augenpaare meiner selbstlosen Helferinnen und wusste, dass mir nichts anderes übrig blieb als dem Plan zuzustimmen.

Denn dieses „Ja“ verschaffte mir zumindest etwas Zeit.

Zeit, die Solonis hoffentlich erfolgreich nutzen konnte.

Ich stimmte also mit einem selbstbewussten „Ja!“ zu und betonte dadurch meine Unumstößlichkeit.

Denn ich vertraute auf die Hilfe meines Solonis und vertraute fest auf Amani, Opal und Neiphytiri.

Ein fester Glaube, der meinen Leidensgenossinnen nicht verborgen blieb.

„Gut, dann berichten wir dem Pharao von deiner Jungfräulichkeit und weihen dich ab morgen in dessen sexuellen Abgründe ein“, sprach Amani den weiteren Verlauf der Dinge aus und verabschiedete sich zusammen mit den anderen zweien, um ihren Weg zum Pharao anzutreten.

Sie begannen ihr Spiel mit dem Feuer und taten all das nur für mich und Solonis.

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