Kapitel 6

Ich konnte es noch immer nicht fassen, konnte meinen Schock noch immer nicht verdauen.

Denn das blutige Turnier fand heute statt.

Nicht morgen, nicht übermorgen.

Nein, heute musste es sein.

Ich trat mir gedanklich in die Magengrube.

Bereute es, Selene nicht sofort weggebracht zu haben.

Die Flucht mit ihr trotz Fahndung nicht doch gewagt zu haben.

Denn nun konnte ihr Leben auf dem Spiel stehen.

Besser gesagt, das Leben von zehn jungen achtzehnjährigen Frauen.

„Sie wird schon nicht dabei sein, Solonis“, versuchte mich mein mittlerweile zurückgekehrter Kollege Custos zu beruhigen. Doch es misslang ihm. Denn mein Bauchgefühl verwehrte es mir.

Lag mit seiner Intuition stets richtig und ahnte, dass meine Selene unter den Unglücklichen sein würde.

Mir wurde übel bei dem was ihr bevorstand.

Selbst im besten Fall.

Und hoffte wider meines Verstandes, meines Gefühles, hoffte mit meinem Herzen, dass Selene wie durch ein Wunder von all dem verschont bleiben würde.

 

 

Es war soweit. Erneut wurde die silberne Pforte von den Sklaven mit Mühe und Schweiß aufgestemmt.

Sonnenstrahlen brachen daraufhin in den Raum und erschwerten es einem, einen klaren Blick auf die herannahenden Schatten zu gewinnen.

Erst als die Türe geschlossen wurde, war dies allmählich möglich.

Ich blinzelte und versuchte mir einen Überblick zu verschaffen.

Vier bewaffnete Männer mit Schild und Schwert führten die Unglücksseligen herein. Zwei vorne, zwei hinten.

Umzingelten die armen Seelen und bewegten sie zum Näherkommen.

Mein Herz pulsierte vor Anspannung, vor allem als ich begann die Gesichter der Frauen zu studieren.

Sie waren bleich vor Angst.

Doch egal wie sehr ich meinen Blick durch die Frauenrunde auch streifen ließ, erkannte ich nicht das meiner Selene.

Sie war nicht hier.

Gehörte nicht zu den leichtbekleideten Damen, die nun vor uns allen standen. Und ließ tatsächlich Hoffnung in mir aufkeimen, dass mein Mondschein womöglich verschont blieb.

 

 

„Hier sind noch zwei Grazien. Zwei wilde Exemplare“, verkündete einer der zwei Wächter, die mich und eine weitere Frau namens Hel in den Raum führten.

Sie war eine bleiche Frau mit schwarzen Haaren, Fingern und Lippen, doch von ihrem Charakter so unglaublich herzlich, dass sie das beste Beispiel dafür war Menschen nicht nach ihrem Äußeren zu beurteilen.

Sondern nach ihrem Handeln.

So schien den Wächtern das was sie taten zu gefallen.

Liebten es wohl wehrlose Frauen aus ihren Häusern zu entführen und Familien zu entreißen.

Liebten es wohl sie in einen stickigen Raum des Palastes zu führen, um ihnen dort Stoffreste zum Umziehen hinzuwerfen.

Wut stieg in mir hoch, wobei ich meinen Blick hob und das Szenario erfasste.

Ganz rechts standen acht hilflose, knapp bekleidete Frauen eingeschlossen von vier Wächtern.

In der Mitte, hoch erhoben, saß der blutrünstige, gewissenlose Pharao und sah zu mir herüber.

Sein bewundernder Blick gefror mir das Blut in den Adern. Denn ich hasste die Fetzen, welche ich gegenwärtig tragen musste.

Hasste die Stoffreste, welche meine Hüften und Brüste nur knapp bedeckten.

Hatte Angst, mit jedem Schritt meine Scham, meine Brüste oder meinem Po der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Befürchtete, dass die Fetzen bei jeder Bewegung verrutschen könnten.

Rechts vom Pharao stand ein kahlköpfiger Mann.

Er hatte braune strahlende Augen, trug einen bis zum Boden gehenden Lendenschutz und eine goldene Uzath-Kette um seinen Hals.

An seiner rechten Hüfte haftete ein hölzerner Zauberstab. Er war also ebenso wie Solonis ein Herr des Stabes.

„Selene!“

Ich wandte meinen Blick nach links.

Solonis stand kreidebleich mit seinen Kollegen Custos und Gladius an der Seite des Pharao.

„Selene!“

Er wollte nun zu mir, doch seine Kollegen hielten ihn, auf Drängen des Pharaos, zurück. Er versuchte sich loszureißen, an seinen Zauberstab zu kommen, doch die beiden hielten ihn fest in seinen Armen.

Ich war geschockt.

„Du bist also Solonis’ Verlobte?“, fragte der Pharao neugierig und musterte mich noch eindringlicher.

Ich hätte kotzen können.

„Ja“, erwiderte ich also streng, wobei er zu Lachen begann.

„Sie erscheint mir in der Tat ziemlich herrisch zu sein. Aber bei dem Anblick würde das so manchen Mann nichts ausmachen. Du besitzt Geschmack, Solonis. Sie ist wirklich eine Augenweide: Diese langen Beine, ihren vollen Brüste und Lippen, ihr makelloses-“

„Lassen Sie sie gehen!“, unterbrach ihn mein Verlobter drohend und beanspruchte dabei nur noch mehr die Kraft seiner Kollegen.

Denn er tobte vor Wut und stierte den Pharao böse an.

Doch der Pharao grinste nur.

Empfand Solonis Tobsuchtsanfall möglicherweise als jämmerlich und sprach:

„Nein, sie wird kämpfen wie alle anderen und du, wirst dabei zusehen!“

Und dann gelang es ihm.

Solonis konnte sich losreißen, zog seinen Stab und schickte den Pharao einen Fluch auf den Hals.

Alle stockten den Atem.

Aber nichts geschah.

Solonis war schockiert, verstand die Welt nicht mehr und wurde schließlich von Custos und Gladius in Gewahrsam genommen.

„Spinnst du, Solonis?“, fuhr ihn dabei Custos geladen an, doch der Pharao gebot ihm Einhalt.

„Dummer, einfältiger Solonis. Dachtest du wirklich du könntest mir mit Magie zu Nahe treten? Deine Magie ist wertlos gegenüber meiner Person, denn ich trage ein Schutzamulett“, sprach er und zog eine Kette unter seiner Toga hervor. Es war dieselbe, welche Imothep bei sich trug.

„Sieh! Dieses Amulett bewahrt mich vor Angriffen magischer Natur. Du allerdings dienst mir lediglich als Beschützer vor nichtmagischen Angriffen. Bist ein Herr des Stabes, der nicht die geringste Chance gegen mich und Imothep hätte.

Bist nicht gut genug. Sieh es also endlich ein. Du bist wertlos, so wertlos wie deine Magie.“

„Doch nicht so wertlos wie ihr Leben.“ Der Raum war erfüllt von aufgeheizter Stimmung.

War vollkommen lautlos, bis Ramses von seinen Thron herabstieg und vor meinen Solonis trat.

Seine Ketten klimperten.

Bei Isis! Will er ihn jetzt umbringen?

Ich musste handeln.

„Bitte, töten Sie ihn nicht. Verschonen Sie sein Leben.“

Er drehte sich kurz zu mir, um mich diabolisch anzuschmunzeln, ehedem er sich wieder zu Solonis wandte und sprach: „Deine herrische Freundin bettelt für dich? Du scheinst ihr sehr viel zu bedeuten. Ebenso wie sie dir, nicht wahr? Du würdest alles für sie tun. Für sie sterben und glaub mir, ich werde dir sehr gerne diesen Wunsch erfüllen, doch leider habe ich bereits einen anderen Plan für dich.“

Die Stimmung war noch immer von Spannung erfüllt.

Ich atmete tief durch, als der Pharao weiter sprach:

„Bringt die Frauen zu den anderen!“

Ich wurde also gemeinsam mit Hel zu den anderen Entführten verfrachtet, ließ allerdings keine Sekunde meinen Blick von Solonis.

Ich wollte ihm nahe sein, auch wenn es nur durch seinen Anblick möglich war.

Ich erkannte also wie Ramses Solonis finster ins Gesicht sah und plötzlich zwischen seine Schenkel griff. Seinen Schwanz fest packte.

Sah wie mein Freund dabei auf ihn losgehen wollte, doch Custos und Gladius waren unerbittlich.

Machten ihren Job hier und heute viel zu gut und ließen mich daran zweifeln, ob sie tatsächlich enge Freunde von Solonis waren.

Denn wahre Freunde würden einen selbst in dieser Situation helfen, ihr Leben riskieren, ihn beistehen und ihn nicht in den Rücken fallen.

Doch vielleicht wollten sie ihn auch nur vor weiteren Dummheiten bewahren und sein Leben retten.

Ich wusste es nicht. Kannte die beiden nicht gut genug, um dies abwägen zu können.

„Wie wäre es mit einem Dasein als Eunuch?“, provozierte der Pharao meinen Freund noch weiter.

 

Ich war fassungslos.

Doch Ramses blieb unbeeindruckt und sprach:

„Ja, eine Entmannung wäre genau das Richtige für dich oder sollte ich dir doch lieber den vorlauten Mund mit einem Bindfaden zunähen…Seis drum! Zu gern ich dich auch als Eunuch sehen würde, ist die Gefahr, dass du während des Eingriffes verblutest viel zu groß. Doch ich verspreche dir, ich werde dir Schmerzen bereiten, die du niemals vergessen wirst.“

Er ließ von meinen Geschlecht ab.

Machte nun auf dem Absatz kehrt und begab sich auf seinen emporragenden Thron zurück.

Die blutigen Spiele konnten also beginnen…