Kapitel 10

 

Hel’s Miene war ebenso wie meine noch immer mit Kummer erfüllt, doch dann sprach auch sie:

„Mögen wir uns wieder sehen“.

Ein Satz, der unseren Gleichklang symbolisierte.

Der uns stets als Freunde verband, obwohl eine von uns den Tod der anderen besiegeln würde.

Ein Satz, der zeigte, dass wir uns im Leben nach dem Tod in Liebe wieder sehen und uns in Freude begegnen würden.

Kein schlechtes Blut wäre also zwischen uns.

Ein Glaube, der uns Hoffnung spendete und den kommenden Kampf durchstehbar machte.

 

 

Meine Selene war noch immer wackelig auf den Beinen, als die letzte Runde des „blutigen Spektakels“ eingeläutet wurde.

Es war ein schreckliches Gefühl, meinen Mondschein derart nahe zu sein und gleichzeitig doch so weit von ihr entfernt.

Aber noch schlimmer war diese Machtlosigkeit, diese Unfähigkeit meiner Selene nicht helfen zu können, nur untätig herumstehen zu dürfen während meine Liebe um Leben und Tod rang.

Während sie Wunden kassierte, die mir gelten sollten.

Denn ich hätte an ihrer Stelle sein sollen oder zumindest an ihrer Seite.

Sie verteidigen, sie beschützen, doch ich konnte es nicht.

Hätte ich doch nur die Flucht trotz Fahndung gewagt. Hätte ich doch einfach nur ihre Hand genommen und sie aus dem Land gezogen. Ich hätte alles verhindern sollen, nein, müssen!

Es wäre meine Pflicht gewesen, meine Bestimmung, meine Ehrerbietung als ihr Verlobter, als Glückseliger der ihr Auserwählter war.

Doch es war zu spät.

Ich hatte die Chance vertan und mein Mondschein ins Unglück gestürzt.

Eine Last, die unerträglich war und Rachegefühle gegenüber Ramses auslöste.

Er musste bezahlen. Ich schwor es mir, als Hel ihre Stimme erhob und meine Gedanken zum Verstummen brachte.

„Darf ich um etwas bitten?“

Hel sah den Pharao flehend an.

„Und das wäre?“

„Einen Zauberstab!“

„Du bist eine Herrin des Stabes?“, ertönte es verwundert aus seinem Mund.

„Ja.“

„Dann wohl keine besonders gute…Denn immerhin waren es meine einfachen Wachen, die dich überwältigten und dich hierher brachten“, kriegte er sich wieder ein und lachte höhnisch.

Hel wirkte zerknirscht.

„Ich wurde überrascht, deshalb konnte ich nicht so gut zaubern wie normalerweise.“

„Sicher.“

Hel war bestürzt, verabscheute offensichtlich die herben Worte des Pharao, doch ließ dennoch nicht locker:

„Ich habe keinen Zauberstab mehr, weil die Penner ihn kaputt gemacht haben. Sie blickte zwei der vier Wachmänner böse an.

„So, so taten sie dies? Wie überaus ‚ungezogen’ von ihnen. Aber seis drum, ich neige tatsächlich dazu deinem Wunsch nachzugeben.“

Ich war schockiert.

Würde Ramses dies wirklich in Erwägung ziehen so hätte Selene keine Chance gegen Hel.

Zumindest nicht, wenn sie nicht ihre Zauberphobie überwinden konnte.

Doch dazu würde es wohl nie kommen.

Zu tief saß der Schmerz.

Zu sehr blockierte der Tod von Selenes Mutter ihre Entscheidungskraft.

Ungeheure Verzweiflung überkam mich, drohte mich zu erschlagen und brachte mich dazu meine Stimme zu erheben.

Ich brüllte:

„Nein! Das ist nicht rechtens! Keinen Zauberstab!“

Erneut versuchte ich mich aus den Fängen meiner Kumpels zu befreien, versuchte an meine Lederlasche heranzukommen, um meinen Zauberstab zu ziehen.

Doch alle Mühe war vergebens.

„Tja, ich brauche wohl mehr Bindfaden als ich dachte“, bemerkte Ramses anstelle dessen und erhob sich vom Thron.

„Lass dir eines gesagt sein, Solonis: Ich entscheide über Recht und Unrecht. Ich alleine.“

Er stieg die Stufen des Plateaus herab, fixierte mich mit seinen bohrenden Augen und fuhr fort:

„Dies wird auf ewig so sein. Finde dich also damit ab. Denn ich habe recht, du hast unrecht. Ich bin mächtig, du bist schwächlich. Ich bin alles, du bist gar nichts. Und Ich…Ich allein mache die Regeln!“

„Das werden wir sehen!“, drohte ich ihm, wobei ich nicht die Angst vor Konsequenzen verspürte.

Denn zu groß war nun mein Zorn und zu klein der Platz für bittere Folgen geworden.

„Mutig, aber in unserem Inneren wissen wir doch beide, dass du ein kleines verletzliches Seelchen bist. Ein Sklave der Liebe. Dir bedeuten andere mehr als dein eigenes Leben und das ist dein Fehler. Das ist deine größte Schwäche…Ich lasse also deinen Gesuch zu Hel! Du bekommst deinen Zauberstab!“

„Ich werde Sie-“

„Was? Mich töten? Du kannst mich höchstens anspucken. Doch rate ich dir dies nicht zu tun. Es wäre so fatal für Selene…also?“

Ich schwieg.

„Dachte ich mir.“ Er lachte.

„Nun denn, Selene, ich werde jetzt etwas tun was dir sicherlich ganz und gar nicht gefallen wird. Daher pass gut auf!“ Ramses wandte seinen Kopf, um ihr das zu sagen und hatte schließlich ein breites Grinsen im Gesicht, als er sich wieder zurückdrehte.

Er stellte sich noch dichter vor mich, demonstrierte dadurch seine Macht und griff nach der Lasche meines Lederbundes.

Er zog meinen Zauberstab und nahm ihn an sich.

Ich tobte vor Hass, wollte auf die Missgeburt losgehen, doch Custos und Gladius hielten mich fest.

„Ganz ruhig, Solonis. Den brauchst du sowieso nicht mehr“, flüsterte er mir zu, „Andere Aufgaben warten nun auf dich, aber sieh es positiv. Deinen Schwanz habe ich dir gelassen, obwohl er schon bald ebenso überflüssig sein wird wie dein magischer Stab. Insofern er dies nicht schon immer war.“

Er drehte auf dem Absatz um und schritt zu Hel.

Er gab ihr meinen Zauberstab und sprach:

„Und wie fühlt es sich an den Zauberstab deines Verlobten in den Händen einer anderen Frau zu wissen? Mit an zu sehen wie sie ihn umschließt und spürt?“

„Fahren sie zum Tartaros!“, explodierte nun auch meine Selene.

„Nein, ich habe andere Pläne.“