Kapitel 12 &13

Ich rang weiter mit den Tränen, klammerte mich an Selenes leblosen Körper als Ramses kühl bemerkte:

„Schafft sie weg!“

Wachen marschierten auf uns zu, doch ich ließ meinen Mondschein nicht los.

Nein, ich zog meinen Mondschein nur noch näher an meine Brust, heran zu meinen Herzen.

Die Wächter hatten uns fast erreicht, als ein Widerstand meinen Körper traf.

Erst unregelmäßig, doch dann wurde er immer rhythmischer.

Es war Selenes Brust, die sich hob und senkte.

„Selene?“, flüsterte ich daher hoffnungsvoll, „mein Mondschein?“

Ich strich ihr ein Haar aus dem Gesicht und wartete.

Und tatsächlich- Selene öffnete ihre Lider und sah mich mit großen Augen an.

Sie brummte erschöpft, wobei die vier herangenahten Wachen wie angewurzelt stehen blieben.

Sie waren geschockt, ebenso wie alle anderen.

Allen voran Ramses und Hel.

Sie verstanden das Geschehene anscheinend nicht, konnten es sich wie ich nicht erklären, aber mir war das egal. Denn mein Leben hatte seinen Sinn zurück.

Ich musste es also nicht verstehen, musste es lediglich zu schätzen wissen und ahnte, dass die Liebe zwischen Selene und mir eine große Rolle spielte.

„Solonis…Was ist denn passiert?“

Ich blickte bitter.

„Du hast zwei schlimme Flüche abbekommen. Einer traf deine Brust und der zweite…“

Ich hob Selene Handgelenk und erstarrte.

Selenes Pulsader wieder intakt und pulsierte fröhlich munter vor sich hin. Selbst ihre Haut regenerierte sich langsam und verschloss sich Pore für Pore.

„Hast du das gleiche gesehen wie ich?“

Die Stimme meiner Selene klang ungläubig.

Sie sah mich an und bestätigte meinen Verdacht. Sie dachte anscheinend, sie würde träumen oder glaubte, sie hätte einen Schlag zuviel auf den Kopf bekommen.

Doch ich versicherte:

„Ja, das habe ich.“

Ich strich ihr sanft über das verletzte Handgelenk und sah wie sich Schorf bildete.

Doch schon im nächsten Augenblick verabschiedete er sich langsam und bildete eine glatte, unversehrte Hautoberfläche zu hinterlassen.

Ich schluckte.

Wow, das war echt krass!

 

„Wie ist das möglich?!“

Ramses Verwunderung hallte durch den gesamten Raum.

Er blickte zu Imothep, doch dieser schüttelte den Kopf.

„Ich habe keine Ahnung. Selbst mir ist dieser Zauber nicht bekannt, wenn es denn überhaupt einer war.“

Ramses biss sich zornig auf die Lippen.

Anscheinend wollte er um jeden Preis hinter das Geheimnis kommen. Sosehr, dass er sogar Hel anknurrte.

Doch auch sie verneinte und starrte verdutzt auf mein verheiltes Handgelenk.

„Überaus wunderlich und bedauerlich zugleich. Doch ich bin guter Dinge, dass die Leoparden mit ihr fertig werden.“

Ramses schnippte mit den Fingern.

Die Wachen erwachten und zogen mich schneller von Solonis Schoß als er sich versehen konnte.

Er fluchte und wollte mich befreien, doch ich sagte:

„Hel hat gewonnen, Solonis. So ist das ‚Spiel’“

Aber er wollte das nicht akzeptieren und rügte:

Der Kampf war nicht fair! Du hättest ebenso wie Hel deine Kräfte einsetzen sollen. Du-„

„Wartet!“, unterbrach der Pharao überrascht und brachte die Wachen zum Stehen, „Du bist also auch eine Herrin des Stabes?“

Er blickte mich an.

Ich sah kurz auf meine Hände, grübelte, doch dann log ich:

„Nein.“

„Selene! Lass nicht zu, dass deine Vergangenheit über deine Zukunft bestimmt!“

Solonis bellte mich wütend an und appellierte an mein Gewissen.

„Dafür ist es zu spät. Hel hat gewonnen. Ich verloren. Es ist vorbei.“

„Ich meinte etwas anderes.“ Er sah mich flehend an. Doch meine Entscheidung war gefallen.

„Ich weiß.“

Ich blickte schuldbewusst, aber es musste so sein.

Zum Schutz von Hel. sie hatte gewonnen. Sie, nicht ich.

Doch Ramses sprach:

„Ich weiß, dass du lügst, Selene. Folglich bi9st du tatsächlich eine Herrin des Stabes, aber warum erwähntest du dies nicht? Nur um Hel zu schützen? …Nein, ich glaube da steckt viel mehr dahinter. Solonis scheint es zu wissen, also was ist der wahre Grund?“

Der Pharao sah Solonis und mich eindringlich an, doch Solonis Lippen blieben versiegelt.

Daher sprach ich:

„Ist persönlich und geht Sie einen feuchten Dreck an!“

Ramses lachte.

„Da ist ja wieder diese kriegerische Amazone. Willkommen zurück!“

Ich war verwirrt. Woher diese plötzliche Heiterkeit? Diese Stimmungsschwankung?

Was hatte Ramses nur vor?

Meine Gedanken waren voller Fragezeichen solange bis ich Ramses über seine Armlehne beugte und zu Imothep gewandt sprach:

„Zaubere deinen Ersatzzauberstab hervor, das möchte ich sehen!“

Ich riss meine Augen auf.

„Nein!“

Ich konnte nicht zaubern.

Konnte es nicht über mich bringen.

Ich schwor es.

Schwor mir, mich nie wieder der Magie zu bedienen.

Kein einziges Mal. Nicht nach dem Tod meiner Mutter.

„Ich weigere mich zu kämpfen. Das wäre nicht fair gegenüber Hel!“

„Na und?“

Ramses nahm den mittlerweile hervorgezauberte Zauberstab an sich und schritt das Plateau herab.

Tat dies alles ohne auch nur einen Moment seinen Blick von mir zu nehmen.

„Sei nicht so schwach wie dein Verlobter. Riskiere nicht dein Leben für das eines anderen!“, rügt auch er mich.

„Ein guter Rat, den ihre Leibwächter sich auch Herzen nehmen sollten.“

Ramses grinste. Er war wohl von meiner unbändigen Bissigkeit beeindruckt und sprach:

„Wie wäre es mit einem Vorschlag?“

„Der wäre?“

Er kam mir näher und näher. Seine Ketten klatschten an seinen runzligen Körper und klirrten.

Ich wollte am liebsten zurückweichen, mich von ihm entfernen, um eine Distanz zu wahren, doch die mich festhaltenden Wachen verhinderten dies.

Auch Solonis schien der Gedankie an sein intimes Nähertreten nicht zu gefallen und raungte:

„Das ist weit genug!“

Aber der Pharao wie so oft gelassen.

Er fragte nur:

„Oder was? Willst du mich verprügeln? Tu es doch!“

Solonis wirkte irritiert.

Doch rieb sich auch die Fäuste. Er kämpfte in seinem Inneren, das sah ich.

Hass kochte vermutlich in ihm hoch und rang mit seiner Vernunft. Er wollte einen Schritt auf Ramses zu gehen, doch ich warnte:

„Das ist eine Falle! Tu es nicht!“

Solonis wandte seinen Kopf und stierte mich innig an.

Er trat zurück.

„Cleveres Bürschchen…Und nun zu meinem Vorschlag: Kämpfe noch einmal mit Magie gegen Hel und ich garantiere dir, dass diese im Falle ihres Scheiterns unversehrt in die Freiheit entlassen wird. Verlierst du allerdings erneut, bedeutet dies deinen sicheren Tod. Was sagst du dazu?“

An sich hatte ich also nichts zu verlieren. Ich konnte Hel sogar ihre heißgeliebte Freiheit ermöglichen und sie bestimmt vor einem grausamen Dasein bewahren.

Aber dafür musste ich ein großes Opfer bringen.

Ich musste meine Abneigung gegenüber den Einsatz von Magie überwinden und meinen geleisteten Schwur brechen.

Doch war ich dazu im Stande?

Konnte ich es über mich bringen?

Egal, ich musste es wagen. Denn so oder so war ich bereits am Arsch, doch für Hel bestand noch Hoffnung.

„Ich nehme an!“

Ein Satz, den Solonis mit unüberhörbarer Erleichterung zur Kenntnis nahm.

Ihm war ein Stein vom Herzen gefallen und konnte sich aufgrunddessen ein zartes Lächeln abgewinnen.

„Gute Entscheidung.“

Der Pharao reichte mir den Ersatzstab mit einer riesigen, eingeschnitzten Sa-Schleife.

Ich griff nach diesem, doch Ramses ließ das Ende nicht los.

Nein, er hielt es unerbittlich fest, um einen langen Blick auf mein nun komplett verheiltes Handgelenk zu erhaschen.

Erstaunen machte sich daraufhin auf seinem Gesicht breit, ehedem er mir tief in die Augen sah und sprach:

„Höchst faszinierend.“

Ich erschauderte innerlich, doch dann ließ er, Isis und Osiris sei Dank, los und entfernte sich, um auf seinen Thron zurückzukehren.

Dort angekommen, griff er erneut zur Feder und alle wussten, dass dies nun wirklich der allerletzte Kampf für diesen Tag sein würde.

 

 

Dreizehntes Kapitel:

 

Die Feder war gefallen.

Mein Herz schlug wie verrückt.

Denn nun musste ich gegenwärtig Zaubersprüche ins Gedächtnis rufen, welche ich schon vor langer Zeit gehört, gekannt und teilweise verlernt hatte.

Meine Finger schabten leicht am Zauberstab, als meine Nervosität ins Unermessliche stieg.

Ich war mir nicht im Klaren, ob ich tatsächlich zaubern könnte. Aber hoffte es für Hel und Solonis.

Ich setzte also zum Angriff an und vollführte den Zauber, der mir bereits als Kind stets Vergnügen bereitet hatte.

„Arena!“

Es klappte.

Eine ehrfurchtserregende Wand aus Sand rollte auf Hel zu und wirbelte Sandkörner durch die Luft, welche jegliche Sicht aufs Schwerste behinderten.

Hel hüstelte.

Doch dann fing sie sich und schleuderte mir einen Fluch entgegen, der allerdings blindlings daneben ging.

Kein Wunder, denn der Sandsturm pfiff noch immer gewaltig bis Hel DIE IDEE kam.

Sie beschwörte eine kräftige Wasserwelle herauf , welche meinen Sturm buchstäblich das Wasser reichen konnte.

Der Sand vermischte sich und bildete eine nicht enden wollende Schlammlawine.

Eine, die bereits unsere Füße, inklusive Knie fest im Beschlag genommen hatte.

Das Meer aus Schlamm stieg und stieg, bis ich den Kreislauf durchbrach und den „Ferro ignique-Zauber“ anwandte, um Hel zu entwaffnen.

Es kostete mich eine Wellendusche, aber es funktionierte.

Hels Stab fing an zu brennen.

Sie erschrak und warf ihn geschockt von sich. Er landete ein gutes Stück weit von ihr entfernt im Schlamm.

Verharrte dort ihne zu Verbrennen, denn das Feuer diente lediglich der Abschreckung und hatte weder negative Folgen für Gegner, Stab noch Umgebung.

Der Schlamm blieb also unverletzt und deaktivierte lediglich den „Ad vitam necessarius –Zauber“, den Zauber der Wasserfontäne.

Doch zu spät, ich war bereits vom Wasser getroffen und triefte vor Nässe.

Ich war pitschepatschenass und fror vom Kopfe bis zu den Füßen.

Ein Kälteschock, von dem ich mich nicht ablenken lassen durfte, denn Hel setzte bereits alles daran, um an ihren Zauberstab zurückzukommen.

Offenbar war ihr das Nichtvorhandensein von Brandblasen aufgefallen und war sich somit bewusst, dass ihr Stab keinerlei Gefahr für sie darstellte.

Sie hatte sich bereits in den Schlamm gekniet und versuchte ihn mit gestreckten Fingern zu erreichen als ich erneut zum Zaubern ansetze.

„Vertex!“

Der Schlamm unter Hel begann sich in Treibsand zu verwandeln und zog sie so Stück für Stück tiefer.

Sie bekam Panik und versuchte sich mit aller Kraft am, nicht betroffenen, Schlamm festzukrallen, doch er gab ihr keinen Halt.

Der Zauberstab war nun für sie in unerreichbarer Ferne. Ich wollte sie daher vorm weiteren Sinken bewahren, doch mir fiel das Zauberwort nicht ein.

Verdammt…nicht jetzt! Kein Blackout! Oh, ganz ruhig, denk nach!

Hel war bereits bis zur Taille im Treibsand versunken.

Ich dachte und dachte, doch dann erfüllte mich ein Geistesblitz:

„Aridus!“

Ich zauberte und tatsächlich. Der Sand verkrustete und hielt Hel im bodenlosen Wüstenmeer gefangen.

Ich hatte gewonnen.

„Bravo, bravo!“, appellierte Ramses daraufhin.

„Na endlich eine Herrin des Stabes, die ihren Namen alle Ehre macht.“

Er sah, die ihm Boden versenkte, Hel spöttisch an und schritt herab, um den im Kampfe verloren gegangenen Zauberstab aufzuheben.

Er bückte sich soeben, als ich forderte:

„Lassen Sie Hel gehen!“

Ramses erhob sich. Sein Rücken knackste.

Oh mann! Und dieser Kerl besitzt noch einen Harem? Junge Mätressen? Igitt!

„Imothep!“

Sein Lakai verstand und machte meine Zauber mit einen einzigen Schwung seines Stabes rückgängig.

Hel war nun endlich frei oder zumindest freier als zuvor.

Sie stand auf als Ramses sich zu ihr drehte: “Geh!“

Sie zögerte und blickte perplex.

Sie konnte den Worten des Pharaos keinen Glauben schenken.

„Geh!“, wiederholte er daher noch eindringlicher, wobei sie endlich begriff.

 

Hel konnte ihr Glück kaum fassen und strahlte über das gesamte Gesicht.

Sie kam auf mich zu und umarmte mich.

„Danke für alles“, flüsterte sie mir dabei ins Ohr, drückte mich noch mal fest und schob hinterher:

„Ich bin für dich da. Folge dem Phönix!“

Und mit diesen letzten, verwirrenden Worten ließ sie von mir ab und huschte geschwind zum Ausgang.

Die riesige Silbertür wurde geöffnet und sie entschwand in die Freiheit.

Ja, Glück muss man haben!

Als ich mich wieder umwandte, merkte ich jedoch, dass mir Ramse näher gekommen war.

So nahe, dass ich mich schon wieder bedrängt fühlte.

Eine Emotion, die Solonis nicht zu entgegen schien und selbst zum Nähertreten veranlasste.

„Haltet ihn fest!“

Custos und drei weitere Wächter schossen auf meinen Verlobten zu.

Sie packten ihn unsanft und keilten ihn von allen Seiten ein.

Ich blickte in das verzweifelte Gesicht von Solonis und spürte seinen Hass, als Ramses noch weiter auf mich zutrat.

Ich wollte zurückweichen, aber mit einem Schnips war ich sogleich selbst von 2 Wachen umgeben. Gladius hielt mich am linken, der andere am rechten Arm.

Sie waren unerbittlich und behielten mich fest in ihren Fängen.

„Schade, dass auch in diesen Kampf nicht mehr von dir zu sehen war.“

Ramses beschaute mich ausgiebig.

„Diese Stoffreste sitzen an dir einfach viel zu gut, aber zumindest lassen sie gewisse Dinge hervorstehen.“

Er hob seine rechte Hand, in der er Solonis Zauberstab hielt und strich mir dabei kurz über die, vor Kälte hart gewordenen, Brustwarzen.

Ich wollte zurückschrecken, aber ich konnte nicht.

Solonis protestierte gegen Ramses Aktion, rebellierte auf heftigste, doch auch er war nicht im Stande sich zu wehren.

Bis mir ein Gedanke kam…

Ich spuckte Ramses ins Gesicht.

Ich nahm dafür all meinen Mut zusammen, um dies zu tun.

Denn was zu viel war, war zu viel.

Ramses Berührung machte mich furios, entwickelte in mir so viel unbändigen Zorn. Ich hatte mich nicht im Griff.

„Du traust dich mich zu bespucken?“

„Niemand fast mich ohne Erlaubnis SO an!“, fauchte ich.

„Ach ja? Nun, nach den sieben kommenden Tagen werde ich dies allerdings tun. Ich werde dich nehmen, wenn und wann ich will. Und du, du wirst mir dienen und alles tun, was ich von dir verlange.“

„Das werden wir sehen!“, drohte ich folglich, wobei Ramses lachen musste.

„Das Band zwischen dir und Solonis scheint wohl doch enger zu sein als ich dachte. Dieselben leeren Drohungen…Wie auch immer, bringt Selene in ihr Gemach!“

Und schon wurde ich aus dem Raum geschliffen.

Weg von Solonis.

Weg von der silbernen Tür der Freiheit.

Hin zu einen Ort, den ich verfluchte.

An dem ich nur hoffen konnte, inständig betete, dass Solonis’ Versprechen erfüllbar war.