Kapitel 2

Es war früher Nachmittag, als ich sieben Keramikobjekte verkauft, die letzten Rohlinge aus dem Ofen geholt und fast allen verbliebenen Gefäßen einen zweiten, kunstvollen Anstrich verpasst hatte.

Nur eine Vase war noch nicht fertig verziert, sodass ich mich auf meinem Hocker niedersetzte und zu malen begann.

Ich versah sie gerade mit altägyptischen Schutzformeln und -symbolen, als ein Mann in den Laden hereintrat.

Er war groß, muskulös, hatte ein sehr markantes Gesicht und besaß eine eingebrannte Flügelsonne auf dem rechten, oberen Handgelenk.

„Solonis! Schön dich zu sehen“, begrüßte ich ihn und strahlte über beide Ohren.

Denn es war mein zwanzigjähriger Freund, der als Wächter im Palast des Pharaos arbeitete.

Der aufgrunddessen einen goldenen Brustpanzer über seine weiße Toga trug und nicht wie jeder andere Wächter mit Schild und Schwert bewaffnet war.

Nein, denn Solonis war ein Hexer, ein Herr des Stabes.

Und wies somit lediglich einen Zauberstab in seinen breiten, hellbraunen Ledergürtel auf.

Der Zauberstab war ungefähr 18cm lang und hatte einen Durchmesser von einem halben Zentimeter.

 

Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, begrüßte ich meine Freundin Selene und trat noch tiefer in den Raum.

Er war erfüllt von zahlreichen, an den Wänden stehenden, Regalen, indem sich die schönsten Kunstwerke meiner Liebsten tummelten.

Ich atmete fest ein und roch den Duft von feuchter Erde sowie den von frischen Lotusblüten.

„Ich liebe dein Parfum, mein Mondschein“, ließ ich dabei meine Selene wissen und musterte ihre Reaktion.

Sie war geschmeichelt und fuhr mit gesenktem Blick einmal durch ihr langes, schwarzes Haar.

„Ich weiß“, sagte sie daraufhin nur und schenkte mir ein unvergleichlich charmantes Lächeln.

Eines, das mich wie magisch anzog und mich daran hinderte noch länger soweit von ihr entfernt zu stehen.

Ich ging also auf sie zu, stand bereits neben der Drehscheibe und beugte mich zu ihr herab.

Ich küsste ihre Wange und gratulierte:

„Alles Gute zum Geburtstag!“

Wohltuende Flammen züngelten dabei noch immer auf meinen Lippen.

„Stimmt, ich habe heute Geburtstag“, bemerkte sie dabei freudlos und sah mir dabei tief in die Augen.

Sie wirkten betrübt.

„Dein Vater hat nicht an deinen Geburtstag gedacht, nicht wahr?“

„An meinen Geburtstag? Nein, nur an die Arbeit und die Tatsache, dass ich im letzten Monat ein einziges Gefäß zerbrochen hatte“, klagte sie vorwurfsvoll, doch ich kannte etwas womit ich ihre Stimmung zu heben vermochte.

„Vergiss ihn einfach. Denn das einzige was wirklich zählt sind wir, bist du, Selene“, offenbarte ich ihr und war von unbeschreiblichen Glück erfüllt.

Denn Selene war und ist meine Traumfrau.

Ein Wesen mit dem ich beim besten Willen nicht gerechnet hatte.

Wir lernten uns vor vier Jahren auf dem hiesigen Markt kennen.

Ich war von meinen Eltern geschickt worden Nahrungsmittel einzukaufen.

Doch wie Jugendliche eben so waren, trödelte ich beim Einkauf, geriet in Hektik und wollte so schnell wie möglich durch das dynamische Menschengewusel nach Hause.

Aber Hektik machte bekanntermaßen auch schusselig, sodass ich mit einem unbekannten Mädchen unter einer riesigen Dattelpalme zusammenstieß.

Es war Selene.

Ich riss sie um und half ihr später auf.

Es war unsere erste Begegnung.

Ich als Knabe von 16 Jahren und sie ein Mädchen von 14.

Ein Moment, der alles veränderte.

Der uns seitan zu Feuer und Flamme werden ließ.

Ein Augenblick, der dieses Mädchen zum Mittelpunkt meiner selbst machte und den Drang in mir weckte sie wiederzusehen.

Und so kam es auch:

Denn unsere Wege kreuzten sich seitdem täglich.

Ebenso wie unsere Blicke und Worte.

Es war Liebe auf den ersten Blick.

Keusche, unschuldige Liebe.

„Ich liebe dich“, gestand meine mittlerweile achtzehnjährige Freundin und entfachte unvergleichliche Leidenschaft in mir.

Denn ich fühlte genauso wie sie und antwortete:

„Und ich liebe dich, Selene.“

Wir lächelten uns an.

Waren berauscht von erwiderter Zuneigung, wobei der Drang in mir stieg, Selene meine Herzensangelegenheit zu offenbaren.

Also ergänzte ich:

„Und weil ich dich liebe, habe ich ein Geschenk für dich.“

Ich zauberte eine selbstgeschnitzte sowie bemalte Holzschatulle hervor.

Sie war rechteckig und wies die Größe eines Unterarmes ohne Hand auf.

„Ach, Solonis“, sprach sie, „du solltest mir doch kein Geburtstagsgeschenk besorgen.“

„Das ist ja auch keines, zumindest nicht im eigentlichen Sinne.“

Selene grübelte und warf ihre Stirn in Falten.

Ich musste vor Entzückung lachen.

„Denk nicht zu viel nach, meine Liebe. Hier nimm und öffne sie!“, schlug ich ihr vor und reichte ihr die Schatulle.

Sie zögerte.

Blickte mich mit ihren, noch immer, großen Augen fragend an.

Aber dann nahm sie die Box zaghaft entgegen.

Stellte dafür sogar die zu bemalende Vase, vor sich, auf die Drehscheibe zurück.

„War es teuer?“, wollte sie schließlich von mir wissen, doch ich antwortete nicht darauf.

„Keine Antwort ist auch eine Antwort, Solonis“, durchschaute sie mein Schweigen, musterte den verzierten Deckel des Holzes und fuhr sanft mit den Fingern darüber.

Ihre Mimik war erfüllt von Begeisterung, wich allerdings schnell wieder dem Ausdruck der Ernüchterung.

„Solonis, das…das kann ich nicht annehmen. Das ist feinste Handwerkskunst, aufwendigste Schnitzarbeit, teuer in Aufwand und Material.“

Sie schüttelte den Kopf und fuhr nochmals über die, auf dem Deckel, abgebildete Weltanschauung.

Diese war eine runde, goldene, in meinem Fall gelbe, Scheibe.

Sie bestand aus drei Ringen.

Im Äußeren: Der Ring des Ozeans.

Im Mittleren: Der Ring der fremden Länder.

Und im Inneren, in der Pupille des Ganzen: Lag Ägypten, das Zentrum der Welt.

Ein Motiv, das ich wie die anderen fein säuberlich ins Holz geschnitzt und ausgemalt hatte.

„Solonis, das ist zu viel. Zu viel für deinen Lohn, zu viel für mich.“

Sie reichte mir die Box zurück, doch ich weigerte mich sie anzunehmen.

Zu groß war mein Begehren, dass Selene sie öffnete.

Ich blieb also hart und erhob von Neuem das Wort:

„Ich bitte dich, Selene. Nimm sie an dich und öffne sie. Mein Lohn verkraftet das schon.“

Selene schnaufte genervt.

Ließ noch etwas Bedenkzeit verstreichen, ehedem sie ihren Arm zurückzog.

Sie starrte das Kästchen an und rügte:

„Du bist so stur, Solonis!“

Ich lachte.

„Ja, das bin ich.“

Nun endlich nichts mehr im Weg stehend, versuchte Selene das Kästchen zu öffnen, drehte es von allen Seiten, aber blieb erfolglos.

Sie suchte anscheinend nach einem Verschluss, bekam allerdings nur die geschnitzten Schutzformeln, die beflügelte Isis, das Uzatauge und das Ankh-Zeichen zu Gesicht.

„Brauchst du nen Tipp?“, fragte ich sie deshalb.

Aber Selene verneinte und biss sich auf die Lippen.

Sie dachte angestrengt nach.

Doch dann hatte sie es!

Sie schob den zweigeteilten Deckel, in der Mitte, auseinander und erstarrte.

„Solonis…“

„Für mich ist nicht Ägypten das Zentrum der Welt, sondern du Selene. Allein du bist es“, klärte ich sie auf, als sie nach dem Inhalt des Kästchens griff.

 

 

Ein Meer aus Lotusblüten ergoss sich im Inneren der Schatulle.

Eine Sinfonie der Treue, die dem eigentlichen „Geschenk“ lediglich als ausdrucksstarken Rahmen diente.

Ich nahm das schwebende Etwas hervor und betrachtete es ungläubig.

Ich konnte es nicht glauben.

Es war ein Verlobungsring.

So kunstvoll aus schwarzem Stein geschliffen und mit blauer Farbe verziert.

Von Außen bedeckt von der Gefahren abwehrenden Isis, einer Lotusblume, dem Ankh und der Flügelsonne.

Und im Inneren vollendet durch unsere in Rot und Weiß geschriebenen Namen.

Tränen stiegen mir in die Augen.

Ich war von Glück überwältigt.

„Und willst du?“

„Du kennst meinen Vater, Solonis. Du weißt, er würde es nicht zulassen. Er würde uns niemals seinen Segen geben“, klagte ich traurig und strich verliebt über den Ring.

„Aber Selene, es ist nicht wichtig was dein Vater will oder nicht. Es ist entscheidend, was du willst“, gab mir Solonis zu denken.

Doch nicht für lange.

Denn mein Herz wusste was es wollte.

Ich stand also auf, legte das Kästchen behutsam auf den Hocker und näherte mich Solonis.

Ich stand nun von Angesicht zu Angesicht vor ihm. Direkt vor seinen Augen und tat nun das, was ich tun wollte.

Ich steckte mir den Ring an, legte meine Hände auf Solonis starke Brust und entschied mich:

„Ich will dich!“

Seine Augen fingen an zu funkeln.

Und auch ein Strahlen bildete sich auf seinem Gesicht.

Denn wir wurden sogleich eingenommen von unbändiger Leidenschaft.

Spürten die Flammen, die unsere Berührungen auslösten und genossen sie in vollen Zügen.

Sosehr, dass ich langsam begann mehr zu wollen und meine unberingte Hand auf seine Wange legte.

Ich streichelte sie, glitt an ihr hinunter und landete schließlich an seinem markanten Kinn.

Ich zog es an mich.

Ich küsste seinen Mund.

Legte meine Lippen auf die seinen.

Drückte mich fest an seinen Körper.

Presste mich mit meinem dünnen Tunikakleid dicht an ihn.

Er stöhnte auf und ließ mich vor unstillbarer Begierde dahinschmelzen.

Ließ mich wiederum mehr wollen.

Sehr viel mehr.

Ich drang also mit meiner Zunge in ihn ein und entbrannte vor aufflammender Hitze.

Nun stöhnte auch ich.

Unsere Zungen verschmolzen.

Bewegte sich im wohltuenden Rhythmus zueinander und wussten, was sie begehrten.

Solange, bis Solonis plötzlich von unseren ersten, richtigen Kuss abließ und warnte:

„Wir dürfen das nicht, Selene. Wir sind noch nicht verheiratet. Die gesellschaftlichen Konventionen verbieten es uns.“

„Ebenso wie mein Vater unseren Segen. Also vergiss die Konventionen und komm mit mir!“, forderte ich ihn geschickt auf, nahm seine gebranntmarkte Hand und zog ihn mit mir.

Anfangs zögerte er, doch dann konnte er nicht anders, als mir nachzugeben.

Ich führte ihn zum hintengelegenen Lagerraum.

Brachte ihn direkt vor jene hölzerne Leiter, welche im Obergeschoss, in meinem Zimmer, endete.

Ich lächelte ihn an, ehedem ich emporstieg und war hingerissen als ich bemerkte, dass er es nicht wagte unter meine Tunika zu linsen.

Eine Erkenntnis, welche in Anbetracht dessen, dass wir jeden Moment Sex hätten als überaus charmant erschien.

Denn nur ein Blick hätte genügt, um meine freiliegende Scham zu begutachten.

Ich kicherte aufgrunddessen und stieg die letzte Sprosse zu meinem Zimmer empor.

Ich wartete neben der offenen Luke auf ihn.