Kapitel 5

Custos, Gladius und ich hatten den Markt verlassen.

Waren nun außerhalb der Stadt Kairo auf einer sandigen, unebenen Passage zum Palast des Pharaos unterwegs.

Der Wind wehte, sodass uns nicht selten Sandkörner ins Gesicht bließen.

Es war also ein harter beschwerlicher Weg, doch nach fünfzehnminütigen Fußmarsch war es dann soweit.

Wir standen vor dem ersten Eisentor der Palastanlage.

Es war in einem gewaltigen Mauerwerk eingebettet.

Einem sieben Meter hohen Steinwall, welcher um die gesamte Palastanlage gezogen war.

Der einzig und alleine dem Zweck diente, den bösartigen Ramses vor bedrohlichen Angriffen zu bewahren und ein Leben in Idylle zu gewährleisten.

Eine Arbeit, zu der ich selbst vor einem Jahr berufen worden war.

Nach einer Volkszählung gezwungen wurde.

Nur aufgrund der Tatsache, weil meine Eltern meine magische Gabe nicht unter Verschluss halten konnten.

Sie schafften es einfach nicht den Mund zu halten und prahlten mit meinen magischen Kräften.

Verkündeten meine Besonderheit während der Zählung, sodass ein treuer Gesandter des Pharaos davon erfuhr.

Und so nahm mein Schicksal seinen Lauf.

Ich wurde in den Palast gebracht, dem Pharao vorgeführt und von diesen gezwungen einer seiner engsten Leibwächter zu werden.

Denn hätte ich mich geweigert wäre meine gesamte Familie, all meine Liebsten, meine Selene und somit auch mein ganzes Leben auf bestialische Art und Weise getötet worden.

Eine fatale Last, die ich nicht zu tragen vermochte.

Also beschloss ich nachzugeben und denjenigen zu beschützen, den ich am meisten verabscheute.

Nur um diejenigen zu bewahren, die ich am meisten liebte.

„Wie ich sehe, wurde Solonis gefunden“, ertönte es plötzlich hinter dem zweiten Eisentor der Steinmauer.

Zwei Wachen waren dort platziert worden, um die Tore zu bewachen und gegebenenfalls zu öffnen.

Sie starrten uns an.

„Richtig“, sagte Gladius daraufhin, „und jetzt macht die Tore auf!“

Sie gewährten uns Einlass und betätigten zwei große Holzräder am Ende zweier langer Seile.

Solange bis beide Tore des Palastes emporgehoben waren.

Wir gingen hinein und bahnten uns einen Weg auf den gepflasterten Steinen, welche direkt zu den Stufen des Palastes führten.

Es war der einzige Ort, welcher mit diesen Steinen bestückt war, denn alles andere war von einem satten Grün umgeben.

War eine Oase in schier trockener Wüste und umrang Orte wie den palasteigenen Tempel, den Zwinger für die Tiere, das Haus des Hofstaates, der Wächter und der Sklaven.

Wir stiegen die sieben Stufen hinauf und klopften an eine überdimensionierte silberne Eingangstüre.

Sie wurde sogleich von zwei Sklaven aufgestemmt.

„Ah, Solonis!“, hallte es dabei sofort von der anderen Seite des Raumes, „Schön, dass du dich auch noch blicken lässt. Ich dachte schon du wärst abhanden gekommen. Hättest deine Loyalität mir gegenüber gebrochen.“

Ich trat in den Raum.

„Nein, ich hatte lediglich die Zeit vergessen“, gestand ich dabei offen, da ich wusste, dass Ramses jede noch so kleine Lüge wittern konnte. Er saß auf seinem riesigen Thron, vor einer imposanten Fensterfront, auf einem dreistufigen Plateau und blickte zu mir herab.

Er musterte mich, als Gladius und Custos zu mir traten.

„Man möchte meinen, ich hätte dir als Herr des Stabes schon genug Freiheiten eingeräumt. Ich erlaubte dir, deinen eigenen Wohnsitz zu wählen, gestattete es dir frei zu sprechen, gewisse Gnade bei Fehlern walten zu lassen und bot dir sogar an einen eigenen Harem zu bilden, doch Letzteres lehntest du bedauerlicherweise ab. All das tat ich, um mir deiner höchsten Loyalität sicher zu sein und was habe ich nun davon? Du nimmst dir nur noch mehr Privilegien heraus und erscheinst nicht zu deinem Dienst. Was soll ich also deiner Meinung nach tun?“

„Die Fahndung nach mir beenden, immerhin bin ich ja nun hier.“

Ramses lachte auf.

„Du besitzt Schneid, das muss man dir lassen. Aber sag mir, was ist der Grund für dein Nichterscheinen gewesen?“

Ich durfte nicht zögern, also antwortete ich:

„Meine Verlobte.“

Ramses erhob sich:

„So,so…deine Verlobte?“

Er stieg die Stufen des Plateaus herab und näherte sich mir mit seinen schwarz umrandeten Augen.

Immer näher und näher kam er mir.

Sein Goldschmuck klapperte dabei und verstummte, als er dicht vor mir zu stehen kam.

„Ich kann mir schon denken wie genau dich deine Verlobte aufgehalten hat“, bemerkte er schließlich und grinste mir verschmitzt ins Gesicht. Er dachte es wäre Sex gewesen, der mich aufgehalten hatte. Konnte sich nicht vorstellen, dass es mehr als nur triebhafte Dinge zwischen Verlobter und Verlobte gab.

„Ich musste für meine Verlobte noch ein paar Erledigungen unternehmen. Auf dem Markt.“

„Sie benutzt dich also als Laufbursche.“

Er lachte erneut.

„Zu dumm. Sie scheint dich wirklich fest im Griff zu haben und das nicht im sexuellen Sinne. Sie lässt dich wahrscheinlich nicht einmal ran, nicht wahr?“

Ich schwieg.

Sein Grinsen wurde nur noch größer.

Anscheinend deutete er mein Schweigen als eine Bestätigung.

„Armer Solonis, kommt einfach nicht zum Schuss…Nun denn, ich verzeihe dir dein Zuspätkommen. Sollte es allerdings noch einmal vorkommen, nur noch ein einziges Mal…“, seine Stimme nahm dabei einen bedrohlichen Unterton an, „…kannst du auf keinerlei Privilegien mehr hoffen, wenn du verstehst.“

Ich verstand. Sah zu einem goldenen Tor in der rechten Ecke des Zimmers.

Dem Eingang zum goldenen Labyrinth.

Wusste nun, dass ich extrem vorsichtig sein musste, um nicht doch noch meinen „Kopf zu verlieren“.

Denn immerhin war ich nur sein zweiter Herr des Stabes.

War kostbar, allerdings nicht unentbehrlich.

Denn die Nummer eins ist und war noch immer Imothep. Ramses engster Vertrauter und hohe Priester.

„Verstanden“, ließ ich Ramses daher wissen, wobei er nickte und einen Sklaven zu sich diktierte.

Er befahl ihm Federkiel, Tinte und Pergament zu bringen und setzte sich während des Wartens zurück auf seinen Thron.

In Windeseile war allerdings der Sklave wieder zurück und reichte ihm demütig die Dinge seiner Begierde.

Als er sie entgegengenommen hatte, sprach er weiter:

„Dreh dich um!“

Und schon stieß Ramses dem Diener seinen Fuß in die Kniekehlen.

Er fiel auf seine Knie und landete nun zu Füßen des Pharaos.

Ramses setzte das Tintenfass auf den Kopf des Sklaven und drohte, dass er sich nicht bewegen solle damit kein Tintentropfen verschüttet würde.

Würde es allerdings doch geschehen, wäre seine Strafe 200 Peitschenhiebe.

Danach klatschte der Pharao das Pergament mit Wucht auf den Rücken des Sklaven, tauchte den Federkiel ins Fass und begann mit unwahrscheinlich, heftigen Druck zu schreiben.

Das Gesicht des Sklaven war dabei von Pein erfüllt und wurde nur noch mehr durch die Tatsache gefoltert, dass Ramses sich genüsslich viel Zeit zum Schreiben nahm.

Bis…

„Custos! Bring diesen Befehl zu Fidelius! Er wird dafür sorgen, dass die Fahndung nach Solonis aufgehoben wird.“

Mein Kumpel beeilte sich geschwind und nahm seine Beine in die Hand.

Er ergriff den Befehl und zog demütig von dannen.

„Und du kannst nun auch verschwinden. Runter von meinem Stufenabsatz!“, herrschte Ramses den Sklaven an, welcher sofort das Fass von seinem Kopf absetzte und zurück zum Eingangstor sprintete.

Er hatte dabei die Feder beim Pharao gelassen und war einfach nur froh weit weg von diesem zu sein. Eine Sache, die aufgrund seiner Mimik und seines Körpers überaus offensichtlich war.

Denn immerhin war sein Rücken von kleinen, roten Strichen gezeichnet.

„Wums!“, wurde die linke Tür des Zimmers aufgestoßen.

Imothep kam hereingeschritten.

Er war kahlköpfig, was als Priester Gang und Gäbe war und schritt mit seinen, bis zum Boden gehenden, Ledenschutz in Richtung des Pharao.

Er hatte dabei seine Hände gefaltet.

„Und? Sind mir die Götter heute gnädig?“, fragte der Pharao gebannt.

„Ihrem Vorhaben steht nichts im Wege.“

Imotheps Antwort war wie ein Schlag ins Gesicht.

Und das obwohl ich nicht wusste, was genau mit „dieser“ gemeint war. Doch ich hatte einen schrecklichen Verdacht.

Hoffte allerdings das dieser nicht zutraf.

Leugnete es mit jeder Pore meines Inneren bis weitere Sklaven, auch der einhändige, Werkzeuge ins Zimmer brachten, die meine böse Vorahnung bestätigen sollten.

Sicheln, Äxte, Ketten, Schwerter und Speere.

Werkzeuge des Kampfes, welche nun an die Wandflächen neben der imposanten Eingangstüre aufgehangen wurden.

Custos und Gladius hatten sich geirrt.

Denn heute war wieder der Tag der Tage.

Es war die Stunde des blutigen Spektakels.

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