Kapitel 20 & 21

„Lasst mich los! Custos! Gladius! Ich marschier da jetzt rein und verprügel Ramses! Ich polier ihn die-“, wollte Solonis soeben die Drohung beenden, als ich ihn mit einem kräftigen Riss an seinen Schultern zurückriss. Wir durften ihn einfach nicht ins Pharaogemach hereinlassen, durfte nicht zulassen, dass er seine Karten verspielte.

„Sei doch vernünftig, Solonis“, sagte ich also, „Du hast hier keine Chance, denn Ramses hat deinen Zauberstab und Imothep ist an seiner Seite.“

Ich versuchte ihm also die ganze Sache auszureden und ließ ihn los. Nur Gladius behielt ihn noch fest in seinen Griff und konnte ihn Parole bieten, denn er war der Stärkste von uns. Ich beschloss daher lieber weiter auf Solonis einzureden und sprach:

„Komm schon wir finden einen anderen Weg, um deine Selene zu retten. Aber bis dahin…reiß dich-“

„Knacks!“

Türen öffneten sich, doch es waren nicht die des Pharaogemaches.

Nein, es waren die am Ende eines langen Ganges.

„Guten Abend, Männer!“, begrüßten uns Amani, Neiphytiri und Opal freundlich. Es waren die drei Mätressen, die ich bei Selene getroffen hatte, als ich nach der Crux der Stymphaliden fragte.

„Guten Abend!“, antwortete ich als einziger und sah wie stumm Gladius und Solonis blieben.

Die drei Grazien lächelten, woraufhin Amani das Wort ergriff:

„Was verschlägt euch hier her?“

Doch niemand von uns antwortete.

Wir wussten nicht, ob wir die Wahrheit aussprechen sollten und entschlossen uns daher lieber den Mund zu halten.

Dennoch war es eine gewaltige Ablenkung, eine die Solonis dazu nutzte um sich wutentbrannt von Gladius loszureißen und davonzustürmen.

Er stampfte einfach wortlos an den drei Frauen vorbei und wollte nur noch seine Ruhe, doch wir mussten hinterher.

Wir konnten unseren Kumpel Solonis in dieser schweren Zeit nicht alleine lassen und mussten ihn weiterhin vor unbedachten Fehlern bewahren.

Wir gingen also hinterher und bedachten die Frauen mit jenen Worten:

„Wir spielen Amme für Arme!“

 

„Poch, poch!“, machte es als ich an die übergroße Pforte des Pharaogemaches klopfte.

Doch niemand öffnete.

Also versuchte ich es erneut, woraufhin ein „Herein“ von der gegenüberliegenden Seite der Silbertür ertönte.

Opal, Neiphytiri und ich gingen also hinein und sahen den Schrecken der uns Tag für Tag begegnete.

Der Pharao hatte gerade einen Mätressenbesuch hinter sich gebracht, wobei das arme Ding heulend am Boden saß.

„Kommt herein!“, befahl der Pharao dabei gleichgültig, „Ich nehme an, dass ihr Neuigkeiten für mich habt?“

„Ja“, antwortete ich.

„Und zu welchem Ergebnis seid ihr gekommen?“

„Sie ist noch Jungfrau.“

„Tja, dumm für Solonis aber gut für mich“, beurteilte der Pharao das Ganze kurz und konnte sich ein böses Grinsen nicht verkneifen. Auch Imothep lachte kurz und las weiterhin in einem goldenen Buch. Er studierte es aufmerksam.

„Gut gemacht, Amani“, lobte er mich überraschend und setzte einen sanfteren Ausdruck auf.

Er schien mir zu glauben und mir großes Vertrauen entgegenzubringen.

Eine Entwicklung, die sich Tag für Tag mehr und mehr herauskristallisierte. Ich war für ihn anscheinend so etwas wie eine Freundin geworden und war nicht mehr nur seine „Mätresse erster Wahl“.

Wie auch immer, konnte das zumindest der armen Selene zu Gute kommen und sorgte für ein unglaubliches Glücksgefühl in meinen Inneren. Denn Selene hatte etwas an sich, besaß irgendetwas, das Mutterinstinkte in mir auslöste.

Ich wusste nicht, ob ihr zartes Wesen dafür verantwortlich war, doch irgendetwas veranlasste mich dazu mich um sie zu sorgen. Noch mehr als für all die anderen armen Seelen, die Ramses seine Mätressen nannte.

„Ihr könnt nun gehen!“, entließ Ramses uns schließlich und beendete somit meinen Gedankengang.

Opal, Neiphytiri und ich wandten uns also schon zum Gehen und waren bereits bis zur Türe des Gemaches gelangt, als Ramses noch etwas in den Sinn kam.

„Verpiss dich Keira! Und Amani: Du kommst zurück! Bring das zu Ende, was sie nicht schaffen konnte.“

Das Mädchen namens Keira lief tränenüberströmt nach draußen und ich wusste, dass sich etwas ändern musste.

Ich musste etwas dagegen tun, musste Ramses Unrecht beenden und ich spürte zum ersten Mal diese Entschlossenheit.

Ich spürte diese unbeirrbare Kraft, die mit dem Erscheinen von Selene ins Rollen gebracht wurde.

Ich ahnte, dass es schwer werden würde und war mir sicher, dass ich es nicht allein schaffen konnte, doch glücklicherweise gab es einen Mann, der zu Hundertprozent helfen wollte.

Sein Name war Solonis.

 

Einundzwanzigstes Kapitel:

 

Ein neuer Morgen war angebrochen.

Doch ich war nicht ausgeruht.

Ich hatte kein Auge zugetan, viel zu sehr bedrückte mich mein neues Dasein und zu groß war die Sorge, dem Pharao vor Ablauf der sieben Tage hörig sein zu müssen.

Ich quälte mich aus dem Bett.

Mein Körper schmerzte noch vom gestrigen Turnier.

Ein Zeichen dafür, dass dieses leider kein Alptraum gewesen war und mein jetziges Zimmer erklärte.

Meine Knochen waren schwer und meine Muskeln zerrten an mir, dennoch setzte ich mich gegen den Schmerz durch und bewegte meine Beine.

Ich ging zum Balkon.

Er war zwar nicht gerade groß, doch umso spektakulärer war der sich mir bietende Ausblick.

Denn vor mir erstreckte sich eine riesige Oase.

Eine Welt, erfüllt vom prächtigen Grün des Rasens und den Blättern der Palmen.

Eine Natur voller Leben und einer sprudelnden Wasserquelle, die sich ihren Weg bahnte.

So gern würde ich diese Oase von der Nähe aus erkunden, aber ebenso wie Solonis war diese unerreichbar.

Die Realität war also unerbittlich, doch in meinen Träumen war es anders.

Denn an diesem Ort war alles möglich, denn dieser Ort war frei und unbeherrscht.

Denn genau dort konnte ich ohne Sorgen, ohne Ramses leben und in den Armen meines Solonis liegen.

Ein Wunsch, den ich mir noch vor dieser Nacht erfüllen wollte.

Eine Herzensangelegenheit mit der Hoffnung alle belastenden Gedanken, die mich umgeben zu vergessen und die qualvolle Distanz zu meiner wahren Liebe überbrücken zu können.

Wie dem auch sei, verweilte ich noch eine Weile am Balkon und genoss noch etwas den Ausblick, bevor ich mit sehnsuchtsvollen Luftschlössern in mein Zimmer zurückkehrte.

„Wah!“, erschrak ich.

„Tut mir leid, ich habe mich selbst hereingelassen. Dein Unterricht beginnt“, entschuldigte sich Amani und informierte mich über den Beginn des Grauens

In meinen Inneren brodelte es vor Angst, doch ich bemühte mich um Fassung.

„Ok, dann setz dich doch bitte“, verwies ich sie aufs Bett und versuchte so gelassen wie möglich zu klingen.

„Er findet nicht hier statt, Selene. Komm also bitte mit mir.“

Amani verwies dabei zur Tür.

Ich brauchte einen Moment bis ich verstand.

Es gab also einen „professionellen“ Ort, an dem diese „perverse Passion“ des Pharaos unterrichtet wurde.

Eine Sache, die mich nur noch mehr in Angst und Schrecken versetzte und mich darüber belehrte, dass ich bei Weitem nicht die erste „Schülerin“ gewesen sein konnte.

Eine Erkenntnis, die ich erstmal verarbeiten musste und mich zum Schlucken brachte.

Augenblicke verstrichen bis ich soweit war der Aufforderung nachzugehen.

Wir schritten zusammen aus dem Zimmer und gingen durch zahlreiche Gänge.

Wir passierten dabei zahlreiche Wachen, doch von Solonis war weit und breit keine Spur.

„Wo ist Solonis?“, fragte ich daher.

Amani und ich blieben stehen.

Ich hoffte von ihr eine Antwort zu erhalten, denn sie war ja immerhin die „erste Mätresse des Pharao“ und musste einfach die eine oder andere Information besitzen.

Sie sah mich an und sprach:

„Solonis füttert soeben die Krokodile.“

Bei mir drehte sich alles und ich fühlte mich als ob mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen hatte.

Ich bekam keine Luft und spürte wie die quälende Leere in mir nur noch stärker wurde.

Sie wurde immer unerträglicher.

Sie stieg ins unermessliche, denn ich befürchtete die einzige Liebe verloren zu haben.

Tränen stiegen mir in die Augen, als Amani meine Bedenken begriff und meinen Kopf tröstend in die Hände nahm.

Ich musste in ihre Augen sehen.

„Ach, Selene…so habe ich das doch gar nicht gemeint, denn Solonis füttert wirklich die Krokodile mit Fasanen und Hühnern. Mistet aber auch die Stallungen der Tiger und Pumas aus. Immerhin wurde er vom Pharao vom Dienst suspendiert und zu diesen erniedrigenden Tätigkeiten verdonnert.“

Mir stand der Mund offen, denn diese Erklärung beruhigte mich kein bisschen. Sie machte es sogar noch schlimmer, denn nun hörte ich nicht nur „Solonis und Krokodile sondern auch Tiger und Puma“. Es war ein gruseliges Tierkabinett, in dessen Mitte mein Solonis unter Lebensgefahr stand.

„Wo ist er gerade?“, fragte ich daher panisch, „Geht es ihm gut? Ich will zu ihn!“

Ich löste mich aus Amanis Umklammerung und wollte einfach losrennen, alle Gänge durchstreifen, alle Räume durchsuchen, um meinen Verlobten zu finden.

Ich wollte ihn umarmen, ihn sehen und mich versichern, dass es ihm gut geht.

Dieser Drang in mir war so groß, doch schon bald machte sich Ernüchterung bei mir breit, denn Amani entgegnete:

„Das kannst du nicht. Es ist dir untersagt ihn zu besuchen, ebenso wie es ihm. Aber sei unbesorgt:

Solonis ist ein muskulöser und dich liebender Mann. Er besitzt nicht nur die Kraft sondern auch die Willensstärke sich gegen wilde Tiere behaupten zu können.“

Die Situation war also ausweglos und bedrückte mich. Ich hatte somit keine Chance an ihn heranzukommen, doch zumindest die Möglichkeit mich nach seinem Befinden zu erkundigen.

„Hast du heute schon mit ihm gesprochen?“, fragte ich also

„Ich bedaure, nein.“

„Also weißt du nicht, ob es ihm gut geht, oder?“

„Nein.“

„Aber du besitzt die Möglichkeit ihn zu sehen, oder? Du kannst nachsehen, ob es ihn gut geht, nicht wahr?“

„Ja.“

Hoffnung keimte in mir auf.

„Kannst du-“

„Ich werde zu ihm gehen, aber erst nach deinen Unterricht. Und zerbrich dir bitte nicht den Kopf, liebe Selene, denn Solonis ist stark genauso stark wie seine Liebe zu dir“, gab mir Amani zu verstehen, wobei Tränen auf mein Gesicht traten.

Ich wischte mir die Augen mit dem Ellbogen und gab ein schluchzendes „Ok“ von mir. Es war eine seelenstarke Gefühlsreaktion, die Amani mit gefühlvollen Schulterstreichlern wieder eindämmen konnte. Mein Puls beruhigte sich also und linderte den Schmerz meines blutenden Herzens.

„Gut, dann lass uns jetzt weitergehen.“

Ich stimmte zu und folgte Amani in einen weiteren Seitengang. Er war endlos lang, wobei Amani plötzlich eine Türe, von vielen, öffnete und mit mir hereintrat.

Ein rechteckiger Raum bot sich meinem Anblick. Er war gespickt von Regalen und erfüllt von skurrilen Kuriositäten.

So erkannte ich beispielsweise einen Keramikphallus, seltsame Metallklammern sowie medizinische Instrumente.

Mir wurde übel.

„Ja, ich weiß! Dieser Anblick schockt einen ersteinmal“, räumte meine Lehrerin selbst ein und führte mich zu einem Pult mit dazugehörigem Stuhl.

„Bitte setz dich, Selene.“

Aber ich rührte mich nicht. Denn dieser Raum war wie ein Streitwagenunfall: Man konnte nicht hin aber auch nicht wegschauen!

Ich schaute mich also weiter um, bis mir eine überdimensionale Spiegelwand ins Auge fiel. Die Wand stand in etwa zwei Meter Entfernung von mir und ich blickte hinein.

Ich wirkte blass und kraftlos.

Meine Haare fahl und glanzlos.

Und meine Augen glanz- und seelenlos.

Ich war ein Schatten meines selbst, ein absolutes Wrack.

„Selene?“

Ich blinzelte. Ich wandte mich von der Spiegelwand ab, um der echten Amani, um nicht ihren Spiegelbild, ins Gesicht zu sehen.

„Setz dich“, wiederholte sie besorgt.

Ich gehorchte diesmal und nahm Platz.

„Gut, also…in diesem Raum befinden sich alle nur erdenklichen Utensilien, welche dem Pharao Lust verschaffen. Du, Selene, bist nun hier, um all diese Dinge in Erfahrung zu bringen und ihre Anwendung zu erlernen…“

Amanis Worte begannen laut und deutlich, doch verloren mit jeder Silbe an Stärke und Nachdruck. Es hörte sich alles nach und nach wie aus weiter Ferne an. Es war so als ob sich mein Geist von diesem Unterricht abseilen wollte und die Welt in zwei Stücke zerbrach.

Die zwei Weltenstücke entfernten sich und trennten mich immer mehr und mehr von Amani. Ich konnte nichts daran ändern bis der Satz…

„Selene, du musst dich konzentrieren“ wie ein Gewitterregen auf mich herabprasselte.

Ich erwachte aus meiner Apathie und versuchte sie zu überspielen, indem ich Amani fragte:

„Was sind das für Texturen, Zutaten dort hinter dir? Im Regal?“ Doch Amani fiel nicht darauf herein und erwiderte nur:

„Dinge, die du erfährst, wenn du mir dein Gehör schenkst.“ Sie klang etwas erbost.

Eine Emotion, die ich nachvollziehen konnte, denn immerhin hatten sie, Opal und Neiphytiri für mich gebürgt und alles aufs Spiel gesetzt, um mein Leben zu retten.

Sie befanden sich also wegen mir in dieser heiklen Situation und konnten deshalb zu Tode bestraft werden. Ich musste mich also zusammenreißen, musste zeigen, dass ihre Hilfe doch kein Fehler war und dem „Lernen“ offen gegenüberstehen.

Es fiel mir zwar schwer, doch ich musste diese geistige Blockade in den Griff bekommen.

„Tut mir leid, Amani. Kommt nicht wieder vor“, bemühte ich mich um Besserung und versuchte von nun an eine gute „Schülerin“ zu sein. Ich konzentrierte mich also und lauschte aufmerksam.

„Der Pharao erwartet die Einhaltung der Etikette, so musst du stets für ihn verfügbar sein, wenn er den Bedarf nach dir verspürt. Du musst dich stets demütig verhalten, darfst dich nur mit Erlaubnis setzen oder erheben, darfst nur das Wort ergreifen, wenn er es dir erlaubt. Nicht widersprechen, nicht weinen und nicht aggressiv werden. Du darfst ihn niemals beleidigen, musst all seinen Befehlen ohne Zögern gehorchen, stets die Bemalung einer Mätresse tragen sowie der körperlichen Pflege nachkommen. Dir ist es untersagt Kontakte zu anderen Männern zu pflegen, darfst keine Alleingänge machen also Räume nicht alleine betreten oder verlassen, keine Fluchtversuche unternehmen, keine Selbstmorde und Mordversuche planen beziehungsweise ausführen, keinen Besitz besitzen und musst ab und zu seine Getränke und Speisen vorkosten.“

Mit soviel Information auf einmal hatte ich nicht gerechnet. Es war einfach ein so überwältigender Schwall an Worten, sodass ich Amani beten musste mir ein Stück Pergament sowie eine Feder mit Tintenfass zu überreichen.

Ich schrieb die Regeln unter Amanis Wiederholen auf und war nochmals erschrocken über die Fülle an Verhaltensanweisungen.

 

Regeln

– stets verfügbar sein

– demütig sein

– nicht reden ohne Aufforderung

– nicht widersprechen

– nicht weinen, nicht aggressiv werden

– niemals beleidigen

– Befehle befolgen (ohne Zögern)

– Mätressenbemalung

– Körperhygiene

– keine Männerkontakte

– keine Alleingänge/Fluchtversuche/Selbstmord- Mordversuche

– kein Besitz

– Essen und Trinken vorkosten

– Setz/ Erhebe dich niemals ohne Erlaubnis

– Verlasse Raum nicht allein

 

„Ähm, das war jetzt alles, oder? Keine weiteren Vorschriften?“, erkundigte ich mich, als ich zu Ende geschrieben hatte. Ich hob meinen Kopf und sah Amani an.

„Nein…warte!…doch! Eine Anweisung habe ich noch vergessen: Du musst dich auch um sein körperliches Wohl kümmern, mit ihm baden und ihn mit deinen Händen, Haaren, Brüsten oder anderen Körperstellen beziehungsweise anderen Utensilien wie einen Schwamm waschen.“

Ich riss die Augen auf.

Wie eklig war das denn?!

Ich wusste ja allmählich, dass man vom Pharao so einige Scheiße erwarten konnte, aber das? Ich musste mich zusammenreißen, denn Wut stieg in mir auf.

Unbändiger Hass, denn ich verabscheute es wie der Pharao Frauen behandelte. Wie ein Stück Fleisch, wie gefühllose Objekte.

Ich zischte daher:

„Sollen wir ihm auch noch den Arsch abwischen, oder was?“

Amani starrte mich an. Ich dachte sie würde nun sauer werden, doch es kam ganz anders. Denn Amani lachte und verlor für kurze Zeit ihren Sinn für Etikette.

„Diese patzige Art musst du dir ganz schnell abgewöhnen, liebe Selene. Der Pharao würde dich bestrafen.“

Sie hatte sich wieder eingekriegt und hielt mir ebenjene Standpauke. Ich schnaufte und schob hinterher:

„Ja, ja…entspricht eben nicht der Etikette des pharaonischen Phallus!“

Amani grinste, doch bemühte sich dann wieder um einen strengen Blick.

„Ich meine: Ich werde es NIE …WIEDER… TUN“, sprach ich daher übertrieben und versuchte mich am Demütigsein.

„Ach, Selene auch das müssen wir noch üben, denn du darfst auch nicht ironisch oder sarkastisch antworten und sprechen beziehungsweise übertrieben auf Demut spielen. Es muss eben realistisch wirken.“

Ich rieb mir die Stirn. Mein Schädel brummte von den Regeln und deren Eigenheiten.

Kurz gesagt, kotzte mich der Unterricht bereits jetzt schon an und ließ meine Laune in den Keller fallen. Doch beschissener Weise war dieser zugleich auch eine Chance, um Solonis Zeit zu meiner Rettung zu verschaffen und Aufschub von den Fingern des Pharaos zu erlangen.

Ich musste also gewissermaßen „dankbar“ für diesen Unterricht sein, auch wenn mir dies nicht leicht fiel.

„Nun ok, Selene, das reicht für heute. Doch schon morgen wird Opal dich in Empfang nehmen und dir alles über Körperhygiene sowie Bekleidung beibringen.“

Ich war erleichtert. Denn mein „Stundenplan“ war noch weiterhin frei von sexuellen Perversitäten.

Mir fiel also ein Stein vom Herzen.

Ich atmete erleichtert auf und erhob mich vom Stuhl. Ich ergriff dabei das Stück Pergament und schritt zur Türe, um mich auf eigener Faust auf den Weg, zurück in mein Zimmer, zu machen.

Doch Amani prangerte noch:

„Drei Dinge Selene! Erstens: Erhebe dich niemals ohne Erlaubnis! Zweitens: Verlasse einen Raum nicht allein! Und Drittens: Dein Pergament muss erst noch vom Pharao abgesegnet werden, immerhin ist es ein Hauch von Besitz.

Ich blieb wie angewurzelt stehen. Ich hatte in so knapper Zeit gleich mehrere Regelverstöße begannen ohne, dass es mir aufgefallen war.

Und das obwohl ich sie schließlich zweimal gehört und einmal aufgeschrieben hatte. Doch irgendetwas in mir schien diese Regelverstöße nicht beibehalten zu wollen.

Mein Hirn wollte sie also nicht aufnehmen, mein Geist wollte sie nicht akzeptieren und rebellierte dagegen.

Na toll, das konnte ja heiter werden…

„Selene?“

„Ja…“, sagte ich aus meinen Gedanken gerissen, „es tut mir leid:“

„Schon gut, das wird noch“, nahm sie mir meine Bedenken und schritt zu mir.

„Komm wir gegen zum Speiseraum!“

 

Das silberne Tor zum Speiseraum öffnete sich. Amani und ich traten herein, wobei mir sogleich die Fratze des Pharaos auffiel. Er grinste diabolisch und sah mich mit seinen stark geschminkten Augen an

Er saß an einem langen mit Essen bedeckten Tisch, an dessen Ende sich einzig und alleine Imothep befand. Kein anderer war am Tisch und das obwohl noch soviel Platz war.

Wie auch immer, spielten links vom Pharao Musiker und Tänzerinnen tanzten zum Rhythmus. Und rechts am Boden saßen die acht Mätressen und aßen aus kläglichen Schüsseln und tranken aus ärmlichen Bechern.

„Was ist das für ein Pergament?“, fragte der Pharao urplötzlich, wobei er uns zunickte und uns mit einem Fingerzeig hereinbat.

Wir begaben uns also tiefer in den Raum, wobei ich antwortete:

„Skizzen zum Unterricht.“

„Her damit!“

Ich schnaufte unwillkürlich und näherte mich ihm, hielt dabei allerdings einen gewissen Sicherheitsabstand ein. Ich ließ das Pergament unbedacht auf seine Tischfläche fallen und setzte mich schließlich zu den anderen Mätressen.

Sie blickten mich geschockt an.

„Das hättest du nicht tun sollen, flüsterte mir eine unbekannte Leidensgenossin zu, woraufhin ich meinen Kopf hob. Ich sah Amani und den Pharao an.

Und sie hatte Recht, denn die Mimik des Pharao hatte sich verfinstert. Er stierte mich böse an.

„Sie lernt noch“, beschwichtigte Amani entschuldigend und unternahm damit den Versuch mich vor einer Strafe zu schützen. Denn ich hatte ihn anscheinend beleidigt und mich ohne Erlaubnis niedergesetzt.

Der Pharao knirschte mit seinen Zähnen und raunte:

„Mit ‚Erfolg“ wie ich sehe“. Er sah mich noch eindringlicher an.

„SELENE!“ Ich schrak zusammen.

Er hatte meinen Namen lauthals herausgebrüllt. Seine Stimme war dabei voller Wut und vermutlich verletzten Männerstolz.

Mir stockte der Atem, doch dann überwand ich mich und sprach:

„Ja, so heiß ich.“

„Provoziere mich nicht, wenn dir dein Leben lieb ist. Und damit du begreifst wie ernst ich es meine wirst du heute weder ein Essen zu dir nehmen noch ein weiteres Wort von dir geben!“

Ich biss mir auf die Zunge. Ich musste mit mir ringen, um nicht zu kontern, denn meine rebellische Ader meldete sich wieder in mir. Es brodelte gewaltig, doch meine Selbstbeherrschung war stärker, sodass ich nickte.

Ich beschloss kleinbei zu geben und die Nerven meiner Beschützerinnen nicht noch mehr zu strapazieren. Denn Amani, Opal und Neiphytiri sollten sich auf mich verlassen können.

„Darf Selene das Pergament behalten?“, hatte Amani auch noch bei all der Aufgebrachtheit den Mut zu fragen, doch der Pharao bejahte:

„Sie hat es ja wohl nötig! Denn sie scheint die Regeln und Gepflogenheiten noch immer nicht verinnerlicht zu haben, also sorge dafür, dass sie sie immer wieder und wieder aufs Neue zu Pergament schreibt. Sie soll sie solange schreiben bis sie die Regeln im Schlaf kann!“

Ich biss mir auf die Lippen. Nur zu gern hätte ich darauf etwas entgegnet, doch ich schwieg. Ich hatte genug Ärger angerichtet.

„Danke für ihre Gnade. Darf ich mich setzen?“, fragte Amani schließlich brav.

„Ja und dafür steht Selene auf und kostet mein Essen!“

Will der mich verar-

„Aber Pharao, Sie selbst haben es ihr doch verboten heute etwas zu Essen zu sich zu nehmen“, verteidigte Amani mich erneut, wobei der Pharao sie freundlich anblickte.

„Stimmt, Amani. Wenn ich dich nicht hätte…zudem ist Selene es nicht würdig mein Essen zu kosten“, schob er beleidigend hinterher und sah mich wieder an. Er versuchte mich herauszufordern und wartete auf eine Reaktion meinerseits.

Doch diese Genugtuung gönnte ich ihm nicht und schwieg.

Und so bot er Amani sein, vielleicht vergiftetes, Essen an und schob es ihr mit seinen Fingern in den Mund.

Mein Magen verdrehte sich. Ich war angeekelt.

„Nicht so angewidert blicken“, gab mir nun sogar Opal einen flüsternden Rat. Sie saß drei Frauen weit von mir entfernt.

Ich brachte meine Mimik wieder auf Vordermann und versuchte so neutral wie möglich zu gucken bis…sich die silberne Türe vom Neuen öffnete.

Ein Sklave, der leider nicht Solonis war, führte einen fauchenden schwarzen Panther in den Raum. Das Tier war dabei angeleint, fletschte die Zähne und zerrte an der Leine.

„Was soll das?“, begehrte der perplexe Pharao zu erfahren.

„Ein Geschenk von Inkognitus Objectus!“

„Sag deinem Herren, ich hätte mich gefreut.“ Der Sklave verbeugte sich und sprach:

„Sehr wohl. Soll einer ihrer Wächter den Panther nun an sich nehmen?“

„Nein, aber vielleicht eine meiner Mätressen.“ Der Pharao hatte seinen Blick in unsere Runde geworfen und wartete.

Alle Frauen waren von Angst erfüllt, doch ich war es nicht. Denn das Tier umgab eine Aura, die mich davon überzeugte, dass der Panther gar nicht gefährlich war.

Zeigte mir sogar, dass er Schmerzen hatte, dass er aufgrund der Halsleine erdulden musste.

Ich wehrte mich zwar gegen diese Erkenntnis, doch die Gedanken wurden immer stärker und stärker.

Die Leine, die Leine, die Leine!

Unaufhörlich hallten diese Worte in meinen Inneren wider und brachten mich zum Aufstehen. Mit langsamen Schritten näherte ich mich also dem Tier, wobei alle die Luft anhielten.

Es war eine Geräuschanomalie, die mir ziemlich egal war, denn das einzige auf das ich mich konzentrierte war einzig und alleine der wunderschöne Panther mit den unvergleichlich grünen Augen.

Ich war nun endlich bei ihm angekommen und kniete mich neben ihn.

Er atmete schwer.

Nimm die Leine ab! Nimm sie ab! Nimm sie ab!

Beharrte mein Geist weiter, woraufhin ich nachgab und meine Hand an den Hals des Tieres legte.

Ich spürte sogleich den Verschluss des Lederbandes und öffnete es. Es fiel zu Boden.

Der Panther war nun frei und wir sahen uns an.

Und dann geschah es:

Der Panther machte einen Schritt auf mich zu und…stieg mit seinen Vorderpfoten auf meine angewinkelten Oberschenkel.

Nase an Nase waren wir nun und dann urplötzlich…schmiegte er sich mit seinen Kopf an meine Wange und begann zu schnurren.

Ich strich ihm über sein weiches, seidiges Fell und fühlte mich geborgen. Zwar nicht so geborgen wie es bei Solonis der Fall war, doch sosehr, dass mir klar war, dass er mich vor Feinden beschützen konnte.

„Bravo, Bravo, Selene! Du scheinst Talente zu besitzen, die keiner auch nur ahnen konnte“, mischte sich nun auch der Pharao in das Geschehen ein und lobte mich. Ich sah zu ihm.

Er schien so beeindruckt, sodass er seine vorherige „Missgunst“ sogar vergessen hatte und mich mit einem netteren Ausdruck ansah.

Hunger, Fressen, Durst, Trinken…, umgab mich nun eine neue Aura. Sie stammte vom schwarzen Panther.

Ich kraulte also sein Haupt und schob seine Pfoten behutsam von meinen Schenkeln.

Der Panther schien zu verstehen und tatsächlich, er erhob sich aus seiner Sitzhaltung und schmiegte sich dicht an meine Oberschenkel.

Ich begann zu gehen, wobei er mir nicht von der Seite weichen wollte und stets den scharfäugigen Aufpasser spielte.

Eine liebevolle Geste, die mich unglaublich entzückte.

„Ist das denn ein männlicher Panther?“, fragte der Pharao neugierig, wobei der Sklave sofort verneinte. Der Pharao zog eine Schnute.

Ich war verwirrt, doch setzte mich unverzüglich zurück in die Frauenrunde. Auch mein weiblicher Panther tat dies und schmiegte sich an meine linke Körperseite.

Er schnurrte gelassen, doch sorgte dennoch durch seine Anwesenheit für Angst und Schrecken.

Doch ich ließ mich nicht davon beirren und wusste, dass dieses Tier ein treuer Gefährte sein und mich vor dem Pharao beschützen konnte.

Eigenschaften, die ich sehr zu schätzen wusste und jetzt schon an ihn, ich meine ihr, liebte.

Ich beschloss ihr also einen Namen zu geben und taufte sie auf den Namen: Mafdet!

 

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